Zweifel an deinen Zweifeln
Andreas Latossek
Kirche am Bahnhof, Frankenberg, 16.02.2025
Das Video zur Predigt finden Sie
hier.

Ich möchte heute morgen über das Thema: Glaube und Zweifel sprechen und darüber, wie wir mit Zweifeln umgehen können. Zweifel, das ist ein Thema, über das man in christlichen Kreisen selten etwas hört. Leider. Denn sind wir doch mal ehrlich: Es gibt viele Gründe zu zweifeln.
- Gründe zu zweifeln
Vielleicht bist du zum ersten Mal hier, vielleicht kommt du auch schon häufiger oder schaust dir den Livestream an. Du hörst, was die Leute alle über Gott erzählen, aber du bist dir da nicht so ganz sicher. Gibt es Gott wirklich, kann ich mit ihm reden, antwortet er mir? Und dann sprechen die auch noch von so Sachen wie Auferstehung. Wie soll denn sowas funktionieren? Es gibt Christen, es gibt Juden und Moslems, Shintoisten, Hinduisten, Buddhisten, Atheisten, Agnostiker. Allein unter Christen gibt es eine Unzahl von Denominationen. Das soll noch einer kapieren. Alle beanspruchen für sich die Wahrheit. Gibt es den einen Weg und wenn ja, wer hat ihn und bin ich auf dem richtigen? Wenn ich in der Bibel lese und über manche echt schwierigen Stellen stolpere:
Wir hatten letztes Jahr beispielsweise eine Predigt über das Thema: Ist Gott grausam? Da kann ich mich ja fragen: Gott, wirklich, passt das zu dir und wenn ja wie muss ich das verstehen, was mich vielleicht auch im ersten Augenblick abstößt? Wenn ich Bilder vom Krieg in der Ukraine, von ausgemergelten Kindern in Afrika oder vom Anschlag letzte Woche in München sehe, da kann ich mich fragen: Gott, wo bist du und warum greifst du nicht ein?
Wenn ich bete und bete und meine Gebete nicht erhört werden, auch das ist ein Grund, an Gott zu zweifeln. Als Teenie war das der ausschlaggebende Punkt, warum ich aufgehört habe zu beten, weil vermeintlich nichts passiert ist. Inzwischen habe ich viel mit Gott erlebt, auch richtige Wunder. Ich kann anders damit umgehen, weiß, warum Gott auch manchmal keine Gebete erhört. Trotzdem bringt es mich manchmal zur Verzweiflung.
Wenn die Bibel sich nicht mit der Realität deckt, dann frage ich Gott: Wo bist du? Ich möchte mehr von dem erleben, was hier drin steht. Warum tue ich das nicht?
Wenn ich in Christen keine Veränderung sehe, auch das war für mich als Teenie ganz entscheidend. Ist da wirklich die Kraft Gottes am Werk? Leben Menschen wirklich ein Leben mit Jesus oder spielen sie das nur? Ist da in Wirklichkeit gar nichts dran? Heute weiß ich auch da mehr. Dass wir, mich eingeschlossen, als Menschen, die mit Jesus leben, nicht besser sind als andere. Dass wir Fehler machen, Egoisten sind und Veränderung auch nicht von heute auf morgen kommt sondern ein Prozess ist. Dabei haben wir die Kraft der Vergebung, wir können uns auch mit unserer Fehlerhaftigkeit in die Augen schauen. Aber es gibt auch Menschen, die sind auf diesem Weg tatsächlich stehen geblieben oder die haben nur eine fromme Fassade und nie wirklich verstanden, worum es geht. Das aber sollte mich nicht abhalten davon, Gott kennenzulernen, wie er ist.
Und dann kommen da noch die kleinen und großen Enttäuschungen des Lebens hinzu und die persönlichen Erfahrungen von Leid, die einen unvermittelt treffen. Wo ich mich frage: Gott, liebst du mich wirklich, siehst du mich?
Wenn man in die christliche Landschaft schaut, dann hat man das Gefühl, am Glauben zu zweifeln und gerade so richtig wach geworden zu sein. Dazu gibt es einige Bücher und Podcasts. Man nennt das Dekonstruktivismus – seinen Glauben auseinander zu nehmen und dann zu schauen, was übrig bleibt und ihn gegebenfalls neu zusammenzusetzen. An sich ist das überhaupt nichts Neues, das haben Menschen schon immer gemacht. Warum diese hippe Richtung aber ihre Schwierigkeiten hat, dazu sage ich gleich noch mehr und deshalb ist es mir auch so wichtig, heute Morgen darüber zu reden.
Jetzt könnte natürlich der Atheist sagen: Da siehst du! Vielleicht ist das auch manchmal ein Grund, warum wir mit Zweifeln etwas hinterm Berg halten. Aber das ist ja dann nicht ganz ehrlich. Wenn man mit seinen Kollegen so den ganzen Tag im Büro sitzt, dann kommen die Gespräche irgendwann auch unweigerlich auf den Glauben. Bei mir damals zumindest. Und dann tauscht man gute Argumente für und wider aus. Irgendwann kam dann die Frage: Sag mal ganz ehrlich: Glaubst du das wirklich? Und hier wird’s jetzt richtig interessant.
Die Frage ist allerdings, ob sich auch mein Gegenüber so sicher ist mit allem, was er da sagt. Nicht nur Gläubige haben ihre Zweifel, sondern Atheisten genauso auch an ihrem Unglauben. Ist das, was ich denke und glaube wirklich richtig? Der Mensch, der an Gott glaubt, hat Zweifel, ob es ihn gibt, der Mensch, der nicht an Gott glaubt hat, hat Zweifel, ob es ihn nicht doch gibt. Und wenn ich von allem, was im ganzen Universum ist, vielleicht die Hälfte verstanden habe, und ich würde behaupten, ich hätte vielleicht 1% verstanden, wenn überhaupt, könnte es dann nicht sein, dass Gott irgendwo auf der anderen Hälfte zu finden ist und es noch gilt, ihn zu entdecken?
Jetzt höre ich allerdings auch so manche Christen sagen: Moment mal, Zweifel sind doch schlecht, als gläubiger Mensch sollten wir nicht zweifeln und wenn du wirklich glaubst, dann zweifelst du nicht. Aber dann schaut man in die Bibel und liest zum Beispiel im Jakobusbrief:
Wenn es aber jemandem unter euch an Weisheit mangelt, so bitte er Gott, der jedermann gern gibt und niemanden schilt; so wird sie ihm gegeben werden. Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer zweifelt, der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und bewegt wird. Ein solcher Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen werde. Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen.
Ich sage zu dieser Bibelstelle später noch etwas. Aber das führt dazu, dass zu den Zweifeln auch noch das schlechte Gewissen kommt und das ist vielleicht auch noch ein Grund, warum wir nicht darüber sprechen, wenn wir Zweifel haben und dann denken, wir wären die einzigen hier, denen es so geht. Deshalb mal ein kurzer Exkurs: Was sagt denn die Bibel zum Thema Zweifel?
- Was sagt die Bibel zum Thema Zweifel
Schon im Paradies lesen wir, wie die Schlange Zweifel bei Adam und Eva sät: Hat Gott das wirklich so gesagt? Hat er das wirklich so gemeint? Könnt ihr ihm wirklich vertrauen?
Abraham, der im Neuen Testament als Beispiel für Vertrauen hervorgehoben wird, dem Gott eine große Verheißung gegeben hatte, der bekam plötzlich Angst um sein Leben und gibt seine schöne Frau Sara als seine Schwester aus. Eine kleine Lüge, und das gleich zwei Mal. Und als eben diese Frau Sara nach einer langen Zeit des Wartens auf Nachwuchs an der Verheißung Gottes zweifelte, da gibt sie Hagar, ihre Dienerin, Abraham als Frau, quasi als Leihmutter. Das war damals durchaus üblich, aber nicht das, was Gott gesagt hatte, und trotzdem macht Abraham mit.
Mose zweifelt an seinen Fähigkeiten zum Pharao zu gehen und mit ihm zu reden, das Volk Israel aus Ägypten führen! Das ist für mich eine Nummer zu groß. Gott, gib diesen Job bitte einem anderen!
Die 12 Kundschafter, die das von Gott versprochene Land Kanaan erkundet haben, kommen zurück und verbreiten Zweifel: «Das Land ist fruchtbar und wunderschön – aber das Volk ist stark – wir können sie nicht überwältigen!» Josua und Kaleb waren die beiden Einzigen, die überzeugt waren, dass Gott sie in dieses Land führen kann. 2 gegen 10, das war aussichtslos, das ganze Volk wandte sich auf die Seite der Zweifler! So ansteckend kann Zweifel sein!
Die Pharisäer zweifelten daran, dass Jesus der Sohn Gottes war. Sie wollten ihre Macht behalten anstatt sich auf ihn einzulassen.
Petrus, der auf dem Wasser geht, sieht auf einmal die riesigen Wellen und zweifelt daran, dass das funktioniert, was Jesus ihm gesagt hat.
Thomas, einer der Jünger, ist uns häufig sogar unter dem Beinamen bekannt: Der Zweifler, weil er nicht dabei war, als Jesus auferstanden war und es jetzt nicht glauben konnte.
Und dann lesen wir, als Jesus ihnen den großen Auftrag gibt, die gute Botschaft von der Liebe Gottes und der Auferstehung Jesu, dass Vergebung unserer Schuld und Versöhnung mit Gott möglich ist, in diesem Zusammenhang heißt es:
Aber die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. Und als sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder; einige aber zweifelten.
Sie blieben nicht dabei stehen, nicht dass ihr mich falsch versteht. Aber wenn wir in die Bibel hineinschauen, dann entdecken wir, dass der Zweifel irgendwie von Anfang an mit dazugehört. Es hängt sicher auch von Erlebnissen und unserer Persönlichkeit ab. Der eine zweifelt mehr, der andere weniger. Und auch ich habe manchmal Zweifel, nicht immer, aber immer mal wieder.
Wir sehen am Umgang Gottes, am Umgang Jesu, wie Gott dazu steht und ich finde das so schön zusammengefasst in einem ganz kurzen Bibelvers im Judasbrief, also dem Bruder von Jesus. Er schreibt:
Judas 1,22: Erbarmt euch derer, die zweifeln.
Also nehmt euch derer an, tragt das mit. Denn das ist genau das, was Gott tut. Er haut nicht drauf, er wendet sich nicht ab, er verurteilt nicht. Er nimmt sich dem an, der zweifelt. Bei ihm und auch hier bei uns in der Gemeinde ist Raum für deine Zweifel, Raum für deine Fragen, Raum für dein Nichtverstehen und Raum für dein Nicht Glauben können. Ich finde das so wichtig, weil ein Kritikpunkt von Menschen, die in ihrem Glauben irgendwann Schiffbruch erlitten haben ist genau das, dass für ihre Zweifel und Fragen eben kein Raum vorhanden war und sie einfach mit platten Reaktionen abgebügelt wurden. Dabei sind Zweifel gar nicht so schlecht wie ihr Ruf. Sie haben positive, allerdings auch negative Seiten.
- Positive und negative Seiten von Zweifeln
Norbert Scholl, Professor für Religionspädagogik, schreibt:
Der Zweifel schützt davor, Geltungsansprüchen oder Heilsversprechungen zu schnell und leichtfertig Glauben zu schenken. Er schützt davor, Aussagen ungeprüft zu übernehmen und schlechte Argumente mit guten zu verwechseln. Er schützt vor allzu forschem Auftreten und vor übertriebener Selbstsicherheit, denn er lehrt mich, dass sich dahinter nicht selten Unsicherheit oder gar gähnende Leere verbergen.
Das bedeutet: Zweifel haben eine Schutzfunktion. Prüft alles, und das Gute behaltet. Zweifel können uns bewahren vor einem falschen Schritt; sie können uns auf einen guten, oder gar besseren Weg lenken und sie machen uns demütig, weil wir nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, sagt man so schön.
Sie machen uns auch demütig in Beziehungen. Da habe ich was gesagt und hinterher kommen mir Zweifel: War das vielleicht zu schroff? Wie ist das beim anderen angekommen? Muss ich da noch was klären? Und dann greife ich zum Hörer und frage nach. Zweifel können also auch ein Förderer für unsere Beziehungen sein.
Richard P. Feynman, Physiker und Nobelpreisträger hat gesagt:
Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Um zu fragen, bedarf es des Zweifelns!»
Ohne Zweifel gibt es also kein Hinterfragen, kein Vorwärtskommen. Das gilt auch für den Glauben. In meiner Teeniezeit gab es ein Buch, das hieß: Gib den Verstand nicht an der Garderobe ab. Bei manchen Christen hat man ja so den Eindruck, die machen das. Aber wir sind nicht aufgefordert, einfach blind zu glauben. Wir dürfen uns damit beschäftigen, warum Gott und der Glaube an ihn Sinn machen. Auch heute gibt es übrigens viele gute Bücher, zum Beispiel: „Warum Gott“ von Timothy Keller.
Bei der Vorbereitung auf die Predigt bin ich auf eine interessante Anekdote gestoßen:
Kurz vor dem Zusammenbruch der CSSR unterschrieben 100 junge Leute einen Brief an das tschechoslowakische Fernsehen. Sie dankten für die Fernsehsendung: „Von Mythen zur Wissenschaft“, in der der christliche Glaube lächerlich gemacht worden war. Dann heißt es wörtlich in ihrem Schreiben:
„Bringen sie nur noch einige solcher Sendungen und wir werden alle an Jesus glauben. Wenn es keinen Gott gäbe, hätte der Atheismus nichts zu verneinen.
Wozu so viel Mühe für etwas, das nicht existiert?“
Der bekannte Autor C.S.Lewis hat mal gesagt, dass er sich nichts sehnlicher gewünscht hat, als dass es Gott nicht gibt. Wir wissen heute, was aus ihm geworden ist: ein großer Verfechter des Glaubens, er hat viele Bücher geschrieben, unter anderem die Chroniken von Narnia. Es hat ihn nämlich etwas nicht in Ruhe gelassen, und das war der Zweifel.
Ich glaube, die meisten dieser Zweifel hängen mit unserem Gottesbild zusammen und damit, dass unsere Erkenntnis eben nur stückhaft ist.
Leo Tolstoi hat einmal gesagt:
„Wenn dir der Gedanke kommt, dass alles, was du über Gott gedacht hast, verkehrt ist, und dass es keinen Gott gibt, so gerate nicht in Bestürzung. Es geht allen so. Glaube aber nicht, dass dein Unglaube daher rührt, dass es keinen Gott gibt. Wenn du nicht mehr an den Gott glaubst, an den du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist.“
Lynne Hybels, die Ehefrau von Bill Hybels, Gründer von Willow Creek, einer großen amerikanischen Gemeinde, hat anlässlich des 40jährigen Bestehens der Gemeinde auf ihrem Blog einen Dank an ihren Mann geschrieben. Darin heißt es unter anderem, ganz frei wiedergegeben:
Danke, dass du zu mir gestanden bist auf dem Weg meiner geistlichen Reise, auch wenn sie so ganz anders war als deine Wir waren in unseren 40zigern, voll im öffentlichen Leben, und ich verlor buchstäblich meinen Glauben. Es war offensichtlich, dass der Glaube aus meinen Kindertagen nicht mehr zu mir passte, und ihn hinter mir zu lassen, was das größte Chaos. Es führte mich durch eine Menge an Unsicherheit, Zweifeln und Fragen.
Aber danach war ihr Glaube umso gefestigter. Es ist so wichtig, gerade auf dem Weg zum Erwachsenwerden für Teenager und Jugendliche aus christlichen Elternhäusern, dass der Glaube auf eigene Beine kommt. Das ist manchmal für die Eltern gar nicht so leicht auszuhalten. Und auch später im Leben wird es solche Zeiten immer wieder geben, wo wir uns auf die Suche machen, weil alte Antworten nicht mehr zufriedenstellen und wir so neue tragfähige Antworten gewinnen und sich unsere Beziehung zu Gott auf ein festeres Fundament stellt als vorher.
Es gibt aber auch eine negative Seite am Zweifel.
Wer den Film kennt, von dem Dennis vorhin gesprochen hat, der weiß, wovon ich spreche.
Da ist Zweifel, die alles übernimmt. Zweifel an sich, Zweifel an anderen, Zweifel an allem. Sie will es richtig machen, Entscheidungen genau abwägen,
und das führt zu totalem Chaos. Zweifel, wenn ich sie immer regieren lasse, legen mich lahm und verhindern, dass ich Entscheidungen treffe, dass ich vorwärts komme. Das betrifft ja nicht nur den Glauben sondern das ganze Leben.
In den seltensten Fällen kann ich von Entscheidungen alle Konsequenzen im Voraus sehen. Und so bedeutet auch Glaube, vieles gut durchleuchtet zu haben, meine Erfahrungen gemacht zu haben, aber dann auch den Sprung in Gottes Arme zu wagen. Aus Zweifel kann sonst ganz schnell auch Unbeständigkeit resultieren, und davon spricht Jakobus in der vorhin gelesenen Bibelstelle. Wenn ich wie eine Meereswoge hin und her geworfen bin, heute so entscheide, dann hinterfrage, dann morgen wieder anders entscheide und so weiter.
Im Glauben kann das dazu führen, dass ich zwar mit Jesus lebe, ihm aber nicht vertraue und deshalb auch nicht auf ihn höre und ihm auch nichts zutraue.
Zweifel können auch vorgeschoben und nicht ehrlich sein. Der große Kritiker des christlichen Glaubens Richard Dawkins wurde mal gefragt, was eigentlich passieren müsste, damit er von der Existenz Gottes überzeugt sei und er sagte: Nichts. Also selbst das größte Wunder könnte ihn nicht davon überzeugen, da würde er eher denken, er sei verrückt.
Manchmal geht es auch um etwas ganz anderes:
Ein Kollege hat einmal von einem Gespräch über den Glauben erzählt, wo sich ein junger Mann darüber aufgeregt hat. Schließlich fragte ihn der Pastor: Warum wollen sie denn nicht glauben?
Da sagte er: „Ich habe eine Freundin.“
„Ja und, das ist doch schön, Gott ist kein Spaßverderber, für den man alles aufgeben muss.“
„Sie ist aber verheiratet… Gott darf nicht sein, sonst müsste ich mein Leben verändern, und das weiß ich genau.“
- Wie gehe ich jetzt mit Zweifeln um?
Die Antworten darauf sehen unterschiedlich aus, weil es auch ganz unterschiedliche Arten von Zweifel gibt. Aber hier kommt der Titel dieser Predigt ins Spiel: Zweifel an deinen Zweifeln. Denn du bist ihnen ja nicht hilflos ausgeliefert. Zweifeln ist eine Entscheidung. Vielleicht denkst du jetzt: „Naja, also ich entscheide mich nicht für meine Zweifel. Die kommen einfach so!!“ Da gebe ich dir Recht. Und manchmal kommen sie wirklich aus dem Nichts. Aber es ist auf der anderen Seite unsere Entscheidung, auf sie zu hören, über sie nachzusinnen, ihnen Raum zu geben.
Schauen wir also zuerst mal, ob unsere Zweifel nur vorgeschoben sind oder ehrliche Fragen. Und wenn sie ehrlich sind machen wir uns auf die Suche. Denn die Fragen werden ja nicht beantwortet, wenn wir sie einfach nur weiter vor uns herschieben. Das kann manchmal ein Zeichen dafür sein, dass wir gerne in unseren Zweifeln verharren und sie als Ausrede benutzen.
Jesus verspricht:
Wer sucht, der wird finden. Matthäus 7,7 Der findet Antworten und letztlich Gott selber.
Egal, ob du mit Jesus lebst oder nicht ist dabei entscheidend, wo du suchst:
Wenn du Fußball lernen willst, gehst du zu einem Fußballtrainer.
Wenn du Spanisch lernen willst gehst du zu einer Person, die Spanisch kann.
Wenn du mehr über das Christentum rausfinden möchtest, gehst du zu Christen.
Wenn du Gott begegnen möchtest gehst du zu Gott.
Das ist das gefährliche an dem Dekonstruktivismus, den ich vorhin erwähnt habe: Da gehen Leute mit ihren Fragen zu Menschen, die eigentlich keine Antworten haben sondern sie nur vom Glauben abbringen möchten. Und oft hören sie nicht auf die guten Gründe, die Menschen haben, warum es sich lohnt, am Glauben festzuhalten oder überhaupt zu glauben.
Was mir beispielsweise auf der intellektuellen Ebene hilft, wenn ich zweifle, ist mich mit der Auferstehung Jesu zu beschäftigen. Sie ist das zentrale Ereignis des christlichen Glaubens und gleichzeitig so unglaublich, weil sie gegen alle menschliche Erfahrung und Vernunft und gegen die Naturgesetze spricht. Und gleichzeitig gibt es so viele überzeugende Argumente, dass ich einfach nicht darum herum komme zu glauben, dass Jesus tatsächlich auferstanden ist. Und das hilft mir persönlich, an Gott festzuhalten, auch wenn ich vielleicht nicht alles andere verstehe. Ich kann auch auf die Alternativen schauen, dann schaue ich darauf, was die Welt zu bieten hat und höre, wie Jesus einmal seine Jünger fragt:
Jesus fragte die zwölf Jünger: »Wollt ihr etwa auch weggehen?« –
Da antwortet Petrus: »Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte, die zum ewigen Leben führen, und wir glauben und haben erkannt, dass du der Heilige bist, den Gott gesandt hat.
Wohin? Joseph Ratzinger, der ehemalige Papst, hat mal gesagt:
„Wer der Ungewissheit des Glaubens entfliehen will, wird die Ungewissheit des Unglaubens erfahren müssen.“
Johannes der Täufer hat Jesus den Weg geebnet, sein Leben für ihn eingesetzt und jetzt sitzt er im Gefängnis. Nachlesen kann man das in
Matthäus 11,2-6
Und da kommen die ganzen Fragen hoch, die letztlich in der Frage münden:
Jesus, bist du wirklich der versprochene Retter?
Johannes bleibt nicht alleine mit seinen Zweifeln. Er spricht sie aus – Jesus gegenüber, auch wenn das hier nicht direkt sondern über einen Boten passiert.
Ich glaube, das ist das Beste, was wir tun können, Jesus unsere Zweifel bringen., mit ihm darüber reden. Das Buch der Psalmen ist voll von solchen Gebeten, die uns anleiten können oder uns Worte geben, wenn uns die Worte fehlen.
Was macht Jesus? Er kritisiert Johannes nicht. Er schickt ihm einen Boten und sagt: Schau doch mal:
Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt Matthäus 11,5
Johannes, das alles passiert um dich herum. Du hast es sogar selber miterlebt, wie ich in deinem Leben gewirkt habe. Erinnere dich daran und vergiss das nicht, auch wenn du deine Situation jetzt nicht verstehst.
Der Blick auf das, was Jesus in unserem Leben schon getan hat, hilft uns in unseren Zweifeln. Der Blick auf das Kreuz, das wir uns erinnern, was er für uns getan hat. Jesus hat sein Leben für dich gegeben, auch wenn du seine Gedanken und Wege in deinem Leben gerade absolut nicht verstehen kannst.
Er liebt dich und ist für dich und er möchte dich in deinen Zweifeln ganz neu berühren. Und der Blick auf das, was Jesus gerade tut, vielleicht nicht in deinem Leben aber doch im Leben der anderen zeigt dir: Er ist lebendig und er ist da.
In manchen schmerzlichen Erfahrungen und Enttäuschungen merke ich, wie Gott leise an mein Herz klopft. Und wie ich mich innerlich winde. Und dann mache ich mein Herz hart. Und ich kann das so gut verstehen, weil es so weh tut. Weißt du, ich habe nicht alle Antworten auf deinen Schmerz, aber eins weiß ich:
„
Nahe ist der Herr denen, die zerbrochenen Herzens sind.“ (
Psalm 34,19)
Gott möchte dein Herz nehmen und es verbinden und es heilen und deine Leere und deine Sehnsucht ausfüllen. Lass ihn ran.
Und dann ist da Thomas der Zweifler, der sagt: Ich glaube nur, wenn ich meine Hände in die durchbohrten Hände Jesu legen darf. Und dann kommt Jesus, lässt ihn genau das tun und Thomas antwortet: Mein Herr und mein Gott
Manchmal braucht es so eine Berührung durch Gott selbst. Wir dürfen Gott darum bitten Und wenn du noch auf der Suche bist, dann ist das Beste, was du tun kannst, neben all dem Klären deiner Fragen mit Gott zu reden und ihm zu sagen:
„Gott, wenn es dich wirklich gibt, dann zeig mir das.“
Ich bin überzeugt davon, wenn du es ehrlich wissen willst, dann wird er das tun.
Allerdings bedeutet Glaube, das steckt ja im Wort drin, dass ich irgendwann den Sprung auch wagen muss, denn ich werde nie auf alles eine Antwort finden, weil ich nicht das ganze Universum erfassen kann. Ich darf mich Gott dann anvertrauen und erleben, dass er da ist und trägt.
In diesem Glauben dürfen und sollen wir wachsen. Und auch darin wachsen, nicht zu zweifeln und Gott zu vertrauen, auch wenn wir ihn gerade nicht sehen oder spüren oder auf alles eine Antwort haben. Ich habe nicht auf alles eine Antwort, aber ich habe Gott an so vielen Stellen erlebt, dass ich bei dem anderen innerlich ganz ruhig sein kann und weiß, Gott hat eine Antwort, auch wenn ich sie nicht kenne. Denn es wäre doch komisch, wenn wir nach vielen tiefen Erfahrungen mit Jesus immer und immer wieder sagen würden: Nur wenn du mir ganz persönlich begegnest, kann ich dir weiter vertrauen.
Manchmal brauchen wir das, aber es ist eben auch eine Entscheidung, ob wir dem Zweifel Raum geben oder ob wir auf Jesus schauen, so wie Petrus es eben nicht tut, als er auf dem Wasser geht, sondern auf die Umstände schaut.
Wie gut, dass Jesus ihn auch dann nicht untergehen lässt.
Doch er spricht seinen Kleinglauben an
Martin Lloyd Jones schreibt dazu: Das Hauptproblem beim Kleingläubigen ist, dass er nicht viel denkt. Jesus sagt: Betrachte die Vögel, die Lilien, das Gras und denke darüber nach. Aber viele Menschen wollen nicht denken. Ihre Gedanken drehen sich nur im Kreis. Wahrer Glaube denkt auch über die christlichen Zusagen nach.
Ich mache das mal persönlich:
Meine Zweifel haben sich im Laufe der Zeit geändert. Viele Menschen erleben, wenn sie ein Leben mit Jesus beginnen, dass sie auf einmal vieles anders sehen und verstehen. Der Heilige Geist zieht in ihnen ein und verändert ihren Blick. Nicht bei allen ist das so, aber bei mir sind die Zweifel, ob es Gott gibt, ob die Bibel wahr ist, irgendwann einer großen Klarheit gewichen. Aber trotzdem habe ich Zweifel. Und wisst ihr, was mein Zweifel Nr. 1 ist und ihr könnt ja mal darüber nachdenken, was eurer ist:
Gott liebt mich nicht und er übersieht mich.
Und jetzt zweifel ich mal an meinen Zweifeln, leider gelingt mir das auch nicht immer und für meinen Geschmack noch viel zu oft nicht. Aber nehmen wir mal an ich lasse mich nicht nur von meinen Gefühlen leiten sondern fange an, nachzudenken. Und dann erkenne ich: Dass ich so fühle, hat etwas mit meiner Biographie und mit meiner Persönlichkeit zu tun. Es liegt also gar nicht unbedingt an Gott. Und ich weiß, dass da jemand ist, der nicht möchte, dass mein Leben Frucht bringt und ich ganz nah an Gott bin, der Teufel.
Die Bibel bezeichnet ihn als Lügner.
Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen,
nein, ich glaube
und nehmt den Helm des Heils
Schutz für meine Gedanken, ich bin gerettet
und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.
Das Schwert, das Wort Gottes.
Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
Also nehme ich die Bibel. Was meint ihr, warum mein Lieblingsvers
Römer 8,31 ist:
- Weil ich mir damit bewusst mache: Gott liebt mich und sieht mich
- Ist Gott für mich, wer kann gegen mich sein, der seinen einzigen Sohn nicht verschonte, wird er uns mit ihm nicht auch alles andere geben?
- Und mein Taufvers aus Phil 1,6:
- Bin gewiss, dass der, der das gute Werk in euch begonnen hat, es auch vollenden wird bis zu dem Tag, an dem Jesus Christus wiederkommt.
Corrie ten Boom hat gesagt:
Gib deinem Glauben Nahrung, damit dein Zweifel verhungert.
Natürlich muss ich meinen Zweifeln nachgehen. Aber wenn ich merke, das ist immer so eine emotionale Sache, dann muss ich auch mal dahin kommen, meinem Glauben Nahrung zu geben, zu lesen, was Gott denn sagt. Bibelverse auswendig zu lernen und Gott mehr glauben als meinen Gefühlen.
Dann ergreife ich das Schwert Gottes und weise meine Gefühle und Gedanken in ihre Grenzen.
Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Wir zerstören damit Gedanken und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus.
Manche Christen wundern sich, warum sie so viele Zweifel haben. Vielleicht liegt es daran, dass sie so wenig in Gottes Wort lesen.
Glaube zeigt sich dann auch darin, dass ich Schritte gehe. Dass ich zwar meine Zweifel höre, aber dann sage, ich gehe trotzdem. Ich vertraue jetzt auf Jesus, wie gesagt, wir leben im Glauben, nicht in der Gewissheit. Gegen mein Gefühl.
Manchmal auch mit zittrigen Knien. „Gott ich glaube, hilf meinem Unglauben.“
Das finde ich so ehrlich. Aber ich zeige Gott damit, dass ich ihn ernst nehme und erlebe, dass Jesus mich trägt.
Als Jesus den Jüngern erschien auf dem Berg, zu dem er sie bestellt hatte, und sie anbetend vor ihm niederfielen, einige aber zweifelten, da gab er ihnen anschließend den Missionsbefehl:
Geht in alle Welt.
Er gab ihn nicht denen, die nicht zweifelten und sagte zu den anderen: Ihr besucht jetzt mal erst noch drei Jahre Bibelschule. Nein, er gab ihn allen. Aber dazwischen steht etwas ganz entscheidendes:
Und das macht mir Hoffnung, in allen Zweifeln: Es kommt nicht auf mich an, sondern in ihm ist alles zu finden, was ich brauche. Auf sein Wort hin will ich gehen.
Wir brauchen uns nicht von unseren Zweifeln bestimmen zu lassen. Nein, vielmehr dürfen wir lernen, an unseren Zweifeln zu zweifeln.
Der Weg, der aus dem Zweifel herausführt, beginnt mit einer Entscheidung:
Wir entscheiden uns, nicht in unseren Zweifeln zu verharren, sondern sie in die Gegenwart Gottes zu bringen. Es ist wichtig, dass wir uns in unseren Zweifeln nicht von Gott entfernen, sondern ihm gerade in diesen Momenten nahe kommen und auch die Gemeinschaft untereinander zu suchen. Zweifel sind kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Chance, unseren Glauben zu prüfen und zu stärken. Sie sind eine Gelegenheit, tiefer in Gottes Wahrheit einzutauchen und die verlässliche Liebe Gottes neu zu entdecken. Wenn wir lernen, an unseren Zweifeln zu zweifeln, dann kommen wir einen Schritt näher zu einem festen Vertrauen in den Gott, der immer treu ist. Und das wünsche ich uns.
Amen