KraftWort

Die Bibel der Großmutter
eng

Sie kochte unglaublich lecker, meine liebe Großmutter. Ihr Sonntagsbraten und ihre Spätzle, zubereitet über dem Feuer des Holzofens, schmeckten wie nirgends sonst. Noch heute, 40 Jahre später, habe ich den Duft in der Nase. Nach dem Essen nahm Oma uns Enkel immer mit in die „Stub“. Neben der rustikalen Kommode quetschten wir uns aufs uralte Sofa. Auf dem Tisch lag ihre riesige, schwarze Familienbibel. Die alte Frau nahm „Das Wort“ mit zitternden Händen, blätterte durch die zerlesenen Seiten und las uns vor. Gespannt lauschten wir …

Mit ihrer brüchigen Stimme hörten wir, wie Josef seinen Brüdern vergab, obwohl diese ihn als Sklaven ins Ausland verkauft hatten (1Mo 50,19ff): „Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen Und Josef tröstete seine Brüder und redete freundlich mit ihnen.“ Sympathische Worte aus dem Mund der warmherzigen Großmutter – mitten hinein in meine oft zerstrittene Familie, wo die Trennung beinahe schon absehbar war.

Mit viel Liebe hat unsere Oma ihren Kindern und Enkel den festen Glauben von Abraham ins Herz gepflanzt, der an Gottes Versprechen festgehalten hat, dass ihm in hohem Alter noch ein Sohn geboren wird (1. Mose 15, 15ff): Gott sprach: „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne … So zahlreich sollen deine Nachkommen sein! Und Abraham glaubte dem Herrn.“ Vorgelesen von der 80-jährigen Oma verstanden wir sofort, wie es dem uralten Abraham ums Herz war. Woche für Woche las sie uns die Bibel vor, immer nach dem Essen, solange sie konnte. So prägte Gottes Wort mein Leben. „Allein durch die Schrift!“ Mit diesem Slogan hat Reformator Martin Luther 1520 klargestellt, dass sich alle theologische Lehre und alles christliche Leben an der Bibel messen lassen muss. Dass sie Gottes Wort ist! Sein Kraftwort – nicht Menschenwort (1Thess 2,13). Dass die Bibel der letztgültige Maßstab aller Erkenntnis ist. Worte der Bibel haben Dynamik. Sie kann praktisch alles infrage stellen und verändern. Kein noch so kluges theologisches Statement, weder wissenschaftliche, noch besondere Offenbarung, steht über ihr. Menschliche Weisheit ist begrenzt, Gottes nicht (1 Kor 2). Davon war meine Großmutter überzeugt, genau wie Luther – und ich bin es auch. Warum? Weil Gott durch die Bibel redet.

Es war 1988 bei einem christlichen Popkonzert in Laichingen auf der Schwäbischen Alb. Ich saß in der hintersten Ecke des Saals und war völlig fertig; verzweifelt am eigenen Ich. Plötzlich horchte ich auf. Die blonde Interpretin vorne strahlte wie ein Engel als sie ins Mikrofon sang: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir! Mein ganzer Mensch verlangt nach dir, aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist …“ Ihre Worte trieben mir Tränen in die Augen. „Das ist es! Ich will Gott finden“, dachte ich. Diesen Gott, von dem meine Oma immer erzählt hatte. Der Song berührte mich im Innersten. An diesem Abend schenkte ich Jesus mein Leben und Freude zog ein. Monate später stieß ich beim Bibellesen „zufällig“ auf Psalm 63: „Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir …“ Weinend saß ich über dem offenen Buch und staunte. Nie hätte ich gedacht, dass dieses Lied eins zu eins aus der Bibel kam: Gottes kraftvolles Wort – sensibel und überaus persönlich – direkt für mich?!

Psalm 19 lobt die Schöpfung in höchsten Tönen, beispielsweise ab Vers 5b: „Der Sonne hat Gott am Himmel ein Zelt aufgeschlagen nichts bleibt vor ihrer Hitze verborgen.“ Einen Vers weiter schwenkt der Psalm um auf die Schönheit der Heiligen Schrift: „Das Gesetz des Herrn ist vollkommen, es macht glücklich und froh.“ Hier wird Gottes Wort, wörtlich die Thora, verglichen mit der Sommersonne voller Hitze und Energie. Ein genialer Vergleich. Der Verfasser, König David, macht deutlich: So schön und hilfreich und lebensnotwendig wie die Sonne so kraftvoll und energiegeladen ist die Bibel, das lebendige Wort. Durch sie spricht Gott zu uns Menschen. Manchmal so direkt, wie ich das mit Psalm 63 erlebt habe.

Udo ist ein befreundeter Grafiker, ich fuhr oft zu ihm nach Karlsruhe und habe fachlich wie persönlich viel von diesem feinen Mann gelernt. Einmal brachte ich ihm eine „Hoffnung für alle“-Bibel in modernem Deutsch als Geschenk mit. Udo hat sie gelesen und sich Monate später für ein Leben als Christ entschieden. Erst kürzlich am Telefon erinnerte er mich wieder daran, wie sehr ihn dieses Geschenk geprägt hat. Für Udo gilt: „Ich behalte dein [Gottes] Wort in meinem Herzen … habe Freude an deinen Satzungen und vergesse deine Worte nicht“ (Psalm 119,11+16).

Unser früherer Russland-Missionar Johannes Lange (heute Leiter von „Licht im Osten“) sorgte während seiner Vorbereitungszeit auf dem Buchenauerhof mit einem Vortrag für Aufsehen. Als Theologe kritisierte er entschieden die Historisch-kritische Bibelauslegung, ja er nannte sie sogar „Sünde“. Ihr Grundansatz, die Aussagen der Bibel zunächst einmal mit dem sogenannten wissenschaftlichen Zweifel systematisch infrage zu stellen und dann ihren Realitäts- und Wahrheitsgehalt nach den Maßstäben eines als absolut gesetzten menschlichen Verstandes zu beurteilen, bewege sich in den Bahnen des Sündenfalls: Auch dort stehe am Anfang der Zweifel an Gottes Wort („sollte Gott gesagt haben“), woraufhin der Mensch zum entscheidenden Maßstab für alles erhoben werde („ihr werdet sein wie Gott und wissen …“), so Lange.

Wer den menschlichen Verstand zur obersten Instanz erkläre, verkenne die biblische Aussage, dass der ganze Mensch unter dem Einfluss der Sünde stehe, und auch sein Verstand, wie alle Lebensbereiche, der Buße und Umkehr, Erneuerung und Heiligung bedürfe und zum Gehorsam gegenüber Christus zu finden habe. Solch ein erneuerter und geheiligter Verstand, der sich Christus und seinem Wort unterordnet, sei dann selbstverständlich als Geschenk Gottes mit aller Kraft und Gründlichkeit einzusetzen, um die Heilige Schrift zu erforschen, zu verstehen und auszulegen.

Langes Vortrag, veröffentlicht in einer christlichen Zeitschrift, löste damals eine heftige Diskussion unter Theologen aus – selbst unter Lutheranern, die sich dem „Sola Scriptura“ (Allein die Schrift) verpflichtet sahen. Für bewusste Christen gilt: Nicht der Verstand ist letzte Instanz, sondern die Bibel selbst. Genau wie Martin Luther im 16. Jahrhundert es sah. Die Bibel als Wort Gottes hat also das letzte Wort, auch im Hinblick auf die Auslegung ihrer selbst.

Letztlich ist das Wort Gottes eine Person: Jesus Christus (vgl. Joh 1), der ewige Retter selbst – doch wir erfahren von ihm aus der Bibel. Sie ist allgemein- und weltweit gültig. Und immer wieder neu staunen wir, wie sie Herzen verändert und Menschen aus allen Kulturen und Ländern auf einzigartige Weise anspricht. Wie es einer unserer Missionare im Nahen Osten erlebt hat:

Fleißig übte er Arabisch schreiben anhand der Gleichnisse von Jesus. Die handgeschriebenen Geschichten gab er einem Arbeitskollegen zum Korrekturlesen. Der Araber erklärte ihm zunächst, welche Buchstaben eleganter gemalt werden sollten – daraufhin fragte er sichtlich bewegt, was das für Worte seien. Der Missionar erklärte ihm, dass die Gleichnisse aus den Evangelien stammen, und fragte ihn, ob er sie selbst lesen wolle. Er lieh ihm eine Bibel dazu aus. Die Begeisterung des Muslims kannte keine Grenzen, denn Gottes Wort hatte sein Herz berührt. ln einem zentralasiatischen Staat, wo das Weitergeben der Bibel als Buch oder Smartphone-App unter Strafe steht, schult ein DMG-Mitarbeiter Christen im Erzählen biblischer Geschichten. An so einer Schulung – heimlich in einer Wohnung – nahmen rund 60 Personen teil, die danach sieben Bibelberichte erzählen konnten Inzwischen hört der Missionar von Menschen aus allen Ecken des Landes, von Muslimen wie Atheisten, die sich nach dem Hören der Bibelgeschichten für ein Leben mit Jesus entscheiden. Weil Gottes Wort fundamental in ihr Leben spricht.

Als DMG lassen wir uns durchs Luther-Jubiläum 2017 neu motivieren, Menschen weltweit die Einzigartigkeit der Bibel an Herz zu legen. An der Schrift muss sich unser Glaube und Leben orientieren. Nicht an kirchlicher Tradition, philosophischen Gedanken und Menschenweisheit, wie bei der Kirche zu Luthers Zeiten. Nicht an Mehrheitsmeinung, Menschenfurcht und falsch verstandener Toleranz – wie in heutiger Zeit. An der Bibel allein. Und die sagt:“ Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder Unzeit“ (2.Tim. 4, 2). Die Schrift wirkt. Sie ist das einzige Buch, durch das Gott in dieser Deutlichkeit zu Menschen spricht. Sie ist Gottes Liebesbrief an jeden weltweit. In ihr wird Gottes Herz und seine unendliche Liebe zu allen Menschen sichtbar, von der ersten bis zur letzten Seite. Sie schildert seine Rettungsaktion für uns verlorene Menschheit. Wieviel er es sich hat kosten lassen. Wie wir schuldig geworden und verloren gegangen sind und er seinen Weg vollendet hat, um uns zu befreien. Den Weg ans Kreuz, den Christus ging:

„Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch dieser Welt und teilte das Leben der Menschen. Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, ja den Verbrechertod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. Vor Jesus müssen alle auf die Knie fallen – alle, die im Himmel sind, auf der Erde und unter der Erde; alle müssen feierlich bekennen: »Jesus Christus ist der Herr!« Und so wird Gott, der Vater, geehrt.“ (Phil 2,6ff).

Dieses Kraftwort, die Bibel (Altes + Neues Testament), steht über allem, ist genauso unwandelbar wie Gott selbst. 5. Mose 4,2 und Offenbarung 22,18 verdeutlichen, dass wir die Schrift weder ändern noch kürzen, noch etwas hinzufügen dürfen. Sie ist einzigartig, letztgültig und stark. Im Jahr des Reformationsjubiläums sucht die Bibel neue Großmütter, die sie geduldig ihren Enkeln vorlesen. Neue Frauen und Männer, die sie Freunden schenken. Neue Missionare, die sie Menschen aller Völker und Kulturen erklären. Und neue Leser, die ihr Herz von Gott verändern lassen. Es ist der große Auftrag Gottes. Sind Sie dabei?

Autor: Theo Volland

Quelle: DMG, Aktuell