Das war eine sehr gute Einleitung in das Thema Gefühle und ganz spezifisch dieses Gefühl. Vielleicht denkt ihr, wenn der Stefan eine Preigt über Gefühle hält, dann ist das schon ein Widerspruch in sich. Immerhin hat mir schon mal jemand eine emotionslose Art bescheinigt, aber ich habe tatsächlich doch Gefühle, auch wenn ich sie auch nicht so wie extrovertierte Charaktere immer nach außen zeige. Ich gebe aber zu, dass ich mich bis vor einiger Zeit nicht viel mit dem Thema Gefühle auseinandergesetzt habe, sondern gerade jetzt in dieser Predigtreihe besonders und merke rückblickend, dass es auch ein Versäumnis gewesen ist. Denn zum einen hat Gott dich und mich nicht nur mit einem Körper, einem Verstand, einem Bewusstsein geschaffen, sondern auch mit Gefühlen. Und die sollte man nicht ignorieren. Denn Gefühle haben eine wichtige Aufgabe.
Welche Rolle spielen denn für dich Gefühle? Heute geht es um ein Gefühl, das uns unangenehm ist. Es geht um die Scham, das habt ihr sicher schon dem Anspiel sehr gut entnehmen können. Ich spreche darüber aber nicht, damit du dich unwohl fühlst. sondern wir wollen heute Morgen mal schauen, wie das überwunden werden kann.
Scham, was ist das eigentlich für ein Gefühl? Außer, dass wir das am liebsten vermeiden und auch nicht gerne darüber sprechen, was wissen wir eigentlich darüber? Als erstes kann man festhalten, Scham ist ein soziales Gefühl. Was heißt das? Scham tritt in der Beziehung zu anderen Menschen auf. Folgendes, ganz einfaches Beispiel. Du musst gerade ein Kaugummi loswerden und weißt nicht, wohin damit. Kein Mülleimer weit und breit, kein Tempotaschentuch, wo man es reintun könnte in die Hosentasche? Das bietet sich auch nicht an. Du entscheidest dich, es einfach auf den Boden zu schmeißen und weiterzugeben. Du sagst dir, es gab halt einfach keine andere Möglichkeit und das ist hier nur eine Ausnahme. Bis dahin war es kein Problem. Leider merkst du zu spät, dass ein guter Bekannter dich dabei gesehen hat und dich fragend anschaut. Wie peinlich. Was tun? Am besten wäre es unsichtbar werden. Geht aber nicht. Es bleiben zwei Möglichkeiten: einfach weitergehen und riskieren, dass der Bekannte es dir demnächst um die Ohren haut. oder aufheben und Fehler korrigieren.
Man sieht, das Gefühl von Peinlichkeit und Scham entsteht erst dadurch, dass wir einem anderen Menschen gegenüber schlecht dastehen. Und eigentlich möchten wir gut dastehen. In diesem Fall könnte unser Image, ein vorbildlicher Mensch zu sein, einen kleinen Kratzer kriegen. Mein Ansehen könnte so beschädigt werden. Also Scham ist das Gefühl, wenn ich bloßgestellt werde. Wenn das, was ich lieber verbergen möchte, offenbar wird. Wenn mein, ich nenne es mal Fehlverhalten oder Fehler oder Mangel gravierend ist, könnte auch meine Ehre beschädigt werden. Aber dazu kommen wir später. Was ist die negative Wirkung von Scham? Sie besteht darin, dass sie sich im Gegensatz zu Schuld nicht nur auf unser Handeln bezieht, sondern, (also ich habe einen Fehler gemacht) sondern auf mein Sein. Mein Handeln ist falsch führt zu: ich bin falsch. Es geht um meine Identität. Scham ist also eine emotionale Reaktion darauf, dass wir bloßgestellt werden und verbunden damit die Angst davor, meine Ehre, mein Ansehen zu verlieren.
Es gibt auch eine positive Wirkung von Scham. Scham kann zu Reue führen. Also wenn ich von jemand anderem mit meinem Fehlverhalten oder meiner Schuld konfrontiert werde, dann wird mir bewusst: ich habe mich nicht so verhalten, wie ich das eigentlich will, wie das mein Anspruch ist. Es tut mir leid, ich sehe meinen Fehler ein, korrigiere mein Verhalten und bitte um Vergebung oder kläre die Situation. Also auch wenn mir das Gefühl unangenehm ist, kann es eine sinnvolle Funktion haben. Es treibt mich zu einer Lösung, weil ich das Gefühl der Scham ja loswerden will, denn mit Scham kann man nicht gut leben. Ja, ich habe einen Predigtext passend dazu mitgebracht. Ich lese aus Matthäus 26, ab Vers 69:
Petrus saß aber draußen im Hof und es trat eine Magd zu ihm und sprach, auch du warst mit Jesus dem Galiläer. Er aber leugnete vor allem und sprach, ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber in das Torgebäude hinausgegangen war, sah ihn eine andere und sie spricht zu denen, die dort waren. Auch dieser war mit Jesus dem Nazorea. Und wieder leugnete er mit einem Eid. ich kenne diesen Menschen nicht. Kurz nachher aber traten die Umstehenden herbei und sprachen zu Petrus, wahrhaftig, auch du bist einer von ihnen, denn auch deine Sprache verrät dich. Da fing er an zu fluchen und zu schwören, ich kenne den Menschen nicht. Und gleich darauf krähte der Hahn. Und Petrus erinnert sich an das Wort Jesu, der gesagt hatte, je der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.
Was hat Petrus gemacht? Schauen wir uns mal genau an, was Petrus hier tut und in welchem Kontext er es tut. Was war eigentlich zuvor passiert? Wir spulen mal ungefähr zehn Stunden zurück. Jesus feiert mit den Jüngern das letzte Passamal. Am Ende kündigt Jesus seinen Jüngern an, dass sie alle Anstoß an ihn nehmen werden und ihn verlassen werden. Petrus bestreitet das vehement und die anderen Jünger pflichten ihm bei. Selbst wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso sprachen auch alle anderen Jünger. Petrus sagt also hier zu Jesus, du irrst dich Jesus. Du liegst völlig falsch. Ich stehe an deiner Seite, was auch immer kommt. Und jetzt schauen wir uns an, wie Petrus dieses Versprechen einhält. Es gibt eine Steigerung im Verhalten von Petrus. Petrus verleugnet Jesus nicht nur einfach dreimal, sondern er steigert sich von Mal zu Mal. Seine erste Leugnung wird so beschrieben:
Er aber leugnete vor allem und sprach, ich weiß nicht, was du sagst. In der zweiten Stufe finden wir eine Steigerung. Die Leugnung wird durch einen Schwur ergänzt. Und wieder leugnete er mit einem Eid, ich kenne den Menschen nicht. Als er das dritte Mal verdächtigt wird, geht Petrus noch weiter und flucht. Da fing er an zu fluchen und zu schwören, ich kenne den Menschen nicht. Wen verflucht Petrus hier? Was bedeutet dieser Fluch? Im Griechischen ich habe das mal nachrecherchiert steht dort das Wort kat anatemitazo Und dieses Wort gibt es Anathematizo Dieses Wort gibt es im Neuen Testament nur ein einziges Mal an dieser Stelle. Und es ist eine Kombination von zwei Wörtern, nämlich Kata, das heißt intensiv, und Anathematizo, verfluchen oder verbannen. Es beschreibt eine starke, feierliche Verwünschung, also nicht aus einer Emotion heraus, sondern das ist ein besonders starker Ausdruck man könnte es vielleicht so interpretieren, dass Petrus gesagt hat, ich will verflucht sein, wenn ich diesen Jesus kenne. Und dann kommt die Erkenntnis. Jesus schaut Petrus an und der erinnert sich, was er noch vor zehn Stunden gesagt hat. Schauen wir uns diese Textstelle nochmal ganz genau an. In Markus 14 wird es nämlich nochmal etwas genauer beschrieben.
Petrus aber sprach zu ihm, wenn alle Anstoß nehmen werden, ich aber nicht. Und Jesus spricht zu ihm, wahrlich, ich sage dir, dass du heute in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst. Er sprach aber nachdrücklich, wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde dich nicht verleugnen. Ebenso sprachen auch alle anderen.
Petrus bekräftigt zweimal, dass er auf jeden Fall zu Jesus stehen wird, selbst wenn es sein Leben kostet. Nur wenige Stunden und das Versprechen, das Petrus seinem Herrn gegeben hat, ist vergessen. Und in diesem Moment wird es Petrus schlagartig klar und er ist schockiert über sich selbst. Wie konnte ihm das passieren? Dem Mutigen, dem Superjünger, dem Starken? Petrus, er hatte sich mutig mit der Tempelwache angelegt. Er war aus dem Boot gestiegen, hatte den Mut gehabt und war auf Wasser gegangen. Und jetzt das. Was für ein katastrophales Versagen. Und das noch im Angesicht des Versprechens, das er gegeben hatte. Und Jesus hat es sogar noch vorausgesagt. Wie, wie, wie konnte das geschehen? Petrus ist erschüttert. Sein Selbstbild ist völlig in sich zusammengebrochen. Was für eine Schande. die Scham für diesen Verrat war groß.
Hier haben wir so einen klassischen Fall der Scham. Jemand anders konfrontiert mich mit einer unangenehmen Wahrheit über mich selbst. Und was war die Vorlage für diesen Fall? Die Vorgeschichte, die sich nach dem Abendmahl und nach dem letzten Passamahl abspielt, gehört dazu. Der Stolz und dieses übertriebene Aufspielen von Petrus war schon die Vorlage für den Fall. Petrus hat sich selber völlig überschätzt, sich stark und uneingreifbar gefühlt und sich vor den anderen noch damit hervorgetan. Wenn alle anderen Anstoß an dir nehmen, ich nicht. Stolz und Selbstgerechtigkeit sind die perfekte Einladung für den Teufel, mich zu Fall zu bringen. Das Ergebnis, jetzt ist Petrus in der Grube, die er sich selber geschaufelt hat mit seinem Stolz und seiner Überheblichkeit und dass die anderen Jünger das Gleiche behauptet hatten, das macht es jetzt nicht wirklich besser. Vielleicht ein bisschen erträglicher, weil er in dieser Situation nicht allein ist denn sie hatten das alle behauptet. Wie soll er damit umgehen? Natürlich tut es ihm unendlich leid. Und natürlich ist ihm klar geworden, dass Jesus sein Verhalten richtig vorausgesehen hatte. Mal wieder. Eigentlich wie immer. Wie kann Jesus ihn besser kennen, als er sich selbst? Er schämt sich so sehr. Ja, was macht die Scham mit uns?
Unsere Predigtreihe steht ja unter dem Thema Heilwerden und die Frage ist, welchen Einfluss hat eigentlich Scham auf unser Heilsein oder auf unser Heilwerden? Als erstes würde ich ganz gerne mal unterscheiden zwischen einer Scham, die sich aus einer kleinen Situation heraus ergibt, also zum Beispiel, was weiß ich, die Geschichte mit dem Kaugummi, was sich sehr schnell klären lässt und nach kurzer Zeit vergessen ist. Das nenne ich jetzt mal so die spontane Scham. Aber dann gibt es halt auch so eine chronische Scham, also eine, die wir über lange Zeit mit uns herumtragen. Und ich habe wieder mal ein bisschen wissenschaftlich recherchiert und Studien zu dem Thema gefunden, aus den Jahren 2004 bis 2018, drei verschiedene habe ich mir angeguckt. Ich will die jetzt nicht alle vorlesen. Es geht um den Zusammenhang zwischen emotionalem Stress und dann der Wirkung auf den Körper. Zum Beispiel akute Stressoren und Cortisonreaktionen von 2004 oder von 2018 das Stressregulationsmodell chronischer Schmerzen und funktioneller somatischer Symptome. Zusammengefasst kann man sagen, in Bezug auf die Scham, Stressoren, also zum Beispiel Scham, soziale Bewertung oder potenzielle Bloßstellung lösen Cortisol, also Stresshormone in unserem Körper aus. Cortisol-Spitzen, werden die genannt. Und Scham ist einer der stärksten biologischen Stressauslöser.
Scham aktiviert unser Stresssystem intensiver und nachhaltiger als alle anderen Stressformen und kann dadurch auch langfristig gesundheitliche Folgen haben. Menschen, die sich weniger wertvoll, weniger respektiert oder weniger zugehörig fühlen, zeigen höhere Entzündungswerte in ihrem Körper. Cortisol zum Beispiel. ist so ein Treiber. Cortisol ist zwar ein wichtiges, hilfreiches Hormon im Körper, aber bei dauerhafter Erhöhung für uns schädlich. Genauso wie diese Entzündungsmarker, die es auch gibt, die sind für uns nicht gut. Und wenn der Verlust von Anerkennung mit Scham verbunden ist, dann steigen diese Werte besonders stark an. Und diese Entzündungsmarker, Entzündungswerte sind Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, für Autoimmunerkrankungen, für Diabetes, für Depressionen, chronische Schmerzen. Und Scham ist damit ein zentraler Faktor bei der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer körperlicher Beschwerden. Es kann sogar so sein, dass man somatische Beschwerden dadurch bekommt, ohne
dass es eine diagnostizierbare Krankheit gibt aber trotzdem Schmerzen da sind. Und hier in diesem Diagramm kann man mal so sehen, wie das Ganze zusammenhängt. Da gibt es nämlich einmal so einen biologischen Prozess, einen psychischen Prozess und den sozialen Prozess denn das hat ja auch ganz viel mit Beziehungen zu tun. Warum? Die Kombination für den Verlust des Ansehens einer Person, also andere könnten mich negativ beurteilen, ich könnte mein Gesicht verlieren, ich könnte mich blamieren, verbindet sich noch mit der Unkontrollierbarkeit der Situation. Ich habe darauf keinen Einfluss oder sehr wenig. Eine dauerhafte Erkrankung des Immunsystems fördert chronische Entzündugen im Körper und die kann dann eben auch zu chronischen Erkrankungen führen. Mit den Ergebnissen von diesen drei Studien, es gibt sogar noch viele andere, kann man sagen dass dauerhafte Scham chronische Beschwerden auslösen kann, die keine körperliche Ursache haben. Oder halt auch chronische Krankheiten fördern.
So weit mal der Ausflug in die Medizin. Die Frage ist, was nun? Kann die Scham überwunden oder sogar geheilt werden? Und wenn ja, wie? Jetzt schauen wir uns an, wie Jesus mit dem Versagen und mit der Scham von Petrus umgeht. Denn Jesus lässt Petrus nicht in dieser Situation, in diesem Gefühl. Er begegnet ihm ganz persönlich nach seiner Auferstehung am See Genezareth beim Frühstück nach dem Fischfang. Und jetzt schauen wir uns an, was Jesus tut (Johannes 21,15-17):
Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!
Wir sehen hier in diesen dreimaligen Fragen eine Reduzierung des Anspruchs, den Jesus anfragt. Von: „liebst du mich mehr als diese?“ zu: „liebst du mich“, am Ende zu: „hast du mich lieb?“ Was bedeutet das? Werfen wir nochmal einen kurzen Blick auf den griechischen Urtext, der hier ganz wichtig ist. Bei der ersten und bei der zweiten Frage benutzt Jesus das Wort Agapao. Und Petrus antwortet aber nicht mit Agapao, sondern mit Philo. Und der Einfachheit halber werden diese Wörter im Deutschen im Allgemeinen mit Lieben übersetzt, weil das Deutsche diese Unterscheidung nicht kennt. Bei dem Agapao geht es um die willentliche, die Entscheidung zu lieben. Manchmal auch, sagt man, die aus dem Geistlichen heraus gegründete Liebe. Und bei Philo geht es mehr um die freundschaftliche Liebe, die aus Sympathie zum Anderen entsteht. Und hier im Text finden wir die Unterscheidung als Lieben und Liebhaben. Bei der dritten Frage benutzt Jesus dann auch das Wort Philo, fragt also Petrus, ob er ihn wenigstens wie einen Freund liebt.
Diese drei abnehmenden Stufen, die stehen im direkten Zusammenhang mit den drei Verleugnungen von Petrus, die ja immer energischer wurden. und Petrus wird hier von Jesus auf den Boden der Realität gebracht. Durch die Fragen erkennt Petrus dass er Jesus nicht aus eigener Kraft mehr als lieb haben kann. Petrus muss sich selber anschauen, diese stolze Überleblichkeit, die er hatte, muss weichen und Petrus wird mit der Realität seines Seins konfrontiert, aber, das Ermutigende ist das Jesus ihn dreimal, also auf jeder der Stufen, einen Auftrag und eine Zusage gibt und das gehört auch zur Realität: Jesus beauftragt ihn und vertraut ihm seine Gemeinde an. Dadurch gibt er ihm eine bessere Ehre, als er vorher hatte und diese Scham wird durch diese Annahme geheilt. Jesus schenkt Petrus sein Vertrauen. Die Schuld ist bezahlt, der Makel getilgt, Petrus ist frei, auch frei davon, sich selbst zu überhöhen oder selbst überschätzen zu müssen.
Was ich hier sehr interessant finde, dieses Begegnung hat eine Beziehung zu einer früheren Situation. Vielleicht erinnert ihr euch, als Petrus am Anfang von Jesus zum Jünger berufen wird, passierte das ebenfalls nach einem Fischfang, ein Fischfang, der völlig aussichtslos erschien und dann zu einem riesigen Fang wird. In Lukas 5 wird es beschrieben, finden wir die Reaktion von Petrus zu dem Zeitpunkt.
„…und sie winkten ihren Gefährten, die im anderen Boot waren, sie sollten kommen, ihn ziehen zu helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach, Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“
Dort erschrickt Petrus über dieses Ereignis, aber die Folge ist nicht Begeisterung, sondern er wird sich seiner eigenen Sündhaftigkeit bewusst und schämt sich. Deswegen soll sich Jesus von ihm entfernen.
Das ist so eine existenzielle Grundscham, die wir haben, dass wir unsere Sündhaftigkeit erkennen. Petrus hatte nicht geglaubt, dass Jesus Recht haben könnte. Er hat gewusst, dass man tagsüber keine Fische fangen kann und dass ein so großer Fang eigentlich unmöglich ist. Er erkennt jetzt in diesem Geschehen die Macht von Jesus und seine Unmacht. Scham ist der Ort, an dem der Mensch sich selbst und Gott begegnet. Petrus erkennt seine Unvollkommenheit, die Abgründe seines Seins, seine Abhängigkeit und was er sich zugetraut hat, ist gescheitert. Er erkennt seine Bedürftigkeit. Und da geht es jetzt nicht um eine peinliche Handlung, sondern da geht es um die menschliche Existenz als von Gott getrennter Mensch. Und das nenne ich hier mal so diese Grundscham. Aber in der Begegnung am See nach der Auferstehung haben wir eine andere Situation. Dort wendet sich Petrus nicht mehr vor Scham ab. Und ich habe mich gefragt, was hatte sich zu dem Zeitpunkt eigentlich geändert? Was war bei der zweiten Begegnung anders als bei der ersten? Petrus kannte Jesus jetzt sehr gut, aber das ist eigentlich nur ein Grund mehr, sich zu schämen. Jesus war auferstanden und hatte damit gezeigt dass er über den Tod und über die Macht des Satans gesiegt hatte. Das bestätigt ja noch mehr seine Göttlichkeit. Der Heilige Geist war zu dem Zeitpunkt noch nicht ausgeschüttet. Keiner der Jünger hatte zu diesem Zeitpunkt den Heiligen Geist. Was also führte dazu, dass Petrus Scham hier geheilt wird? Wodurch hat Petrus die Annahme von Jesus erlebt? Und keines dieser Ereignisse scheint darauf hinzuwirken oder darauf hinzuweisen, dass das diese Veränderung bewirkt hat. Und meiner Ansicht nach hat die Annahme, die uns von der Scham befreit, im letzten Passamal stattgefunden, im Abendmahl. Warum?
Für mich gibt es drei Hinweise darauf, dass das so ist. Als erstes, im Johannes-Evangelium wird berichtet, dass Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht. Als Jesus zu Petrus kommt, lehnt er es ab, seine Füße gewaschen zu bekommen. Das fühlt sich für Petrus nicht richtig an dass sein Lehrer, und er nennt ihn auch Herrn, ihm, einem Nachfolger und Jünger der unter ihm steht, einen Dienst verrichtet den sonst ein Sklave macht. Das fühlt sich nicht richtig an. Das ist eine verkehrte Welt. Aber Jesus überzeugt ihn mit der Aussage: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Teil an mir“. Mit dieser symbolischen Handlung, in der Jesus als Diener an seinem Jünger handelt, also sich unter ihn stellt, gibt er den Jüngern eine Ehre. Eine Ehre, die sie sich nicht selber geben können und auch niemand sonst. Der Sohn Gottes würdigt sie, indem er ihnen die Füße wäscht. Und ich erinnere mich an eine Aussage von Johannes dem Täufer, der sagte, Ich bin nicht würdig, ihm, dem Messias, die Riemen seiner Sandalen zu lösen. Und jetzt passiert das Umgekehrte, der Messias wäscht den Jüngern die Füße.
Der zweite Hinweis: Als Petrus dann auch darum bittet, Hände und Kopf gewaschen zu bekommen, antwortet Jesus (Johannes 13,10):
„wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden. Er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle.“
Nicht alle, damit meint er meinte Judas, der war von der Aussage ausgeschlossen, aber die anderen Jünger wurden von Jesus als rein gezeichnet. Und wer rein ist, muss sich nicht mehr schämen.
Dritter Hinweis, die Aussage. „das Brot das sie essen“, symbolisiert Jesu Leib. Beim Wein erwähnt Jesus, dass er für die Vergebung der Sünden steht. Der Wein steht für Jesu Blut und die Vergebung der Sünden. Das Brot steht für den neuen Leib von Christus, zu dem alle Gläubigen gehören. Jesus verbindet sich mit Petrus und mit allen Jüngern. Er sagt, in Zukunft werden wir eins sein. Ihr gehört zu meiner Familie, ich mache mich eins mit euch. Damit das gelingt, liebt euch einander, wie ich euch geliebt habe.
Also diese drei Handlungen und Aussagen: das Waschen der Füße, die Zusage der Reinheit und die Zusage zum Leib Christi zu gehören, symbolisieren für mich diese vollständige Annahme von Petrus. Diese Annahme hat die Macht, Petrus von seiner Scham zu heilen, nachdem er verstanden hat, was das Abendmahl bedeutet und das verstand er erst nach Kreuzigung und Auferstehung. Im Abendmahl nimmt Jesus uns an und befreit uns von unserer Scham.
Was bedeutet die Annahme? In der Vergangenheit haben wir das Abendmahl als Erinnerung an Jesu Tod am Kreuz als Erlösungswerk betrachtet und dass dies unsere Sündenvergebung ermöglicht. Es hat aber zwei weitere Bedeutungen. Zum einen die Bedeutung der Gemeinschaft. Im Abendmahl stiftet Jesus auch die Gemeinschaft der Heiligen und die wird ja auch als der Leib Christi bezeichnet. Im Epheserbrief schreibt Paulus, die Gemeinde aber ist sein, Jesu Leib, und sie ist erfüllt von Christus, der alles mit seiner Gegenwart erfüllt. Das Brot symbolisiert den Leib Christi und dieser Leib ist die Gemeinschaft der Gläubigen und eine weitere Bedeutung ist die Annahme von Gott. Im Abendmahl nimmt Jesus uns als Mitglieder seiner Familie an.
Wer selber Jesus angenommen hat, gehört zur Königsfamilie des Messias und zu Gottes Kindern. Die Trennung zwischen Gott und Mensch wird aufgehoben, weil wir mit Gott geistliche Tischgemeinschaft haben. Das ist mehr Gemeinschaft, als es im Paradies gab. Diese Annahme überwindet die Trennung zwischen Gott und den Menschen, die im Paradies stattfand und hier geheilt wird. Dort wurde der Mensch bloßgestellt, weil er die Vertrauensbeziehung zu Gott brach und er schämte sich, als das sichtbar wurde. Hier im Abendmahl wird seine Ehre wiederhergestellt und die Grundscham, die Scham überwunden. Karl Barth, der bedeutende Theologe, sagte einmal:
Scham ist das Bewusstsein des Menschen, dass er sich nicht selbst rechtfertigen kann.
Seit dem Sündenfall fehlt uns diese Rechtfertigung. Die können wir uns nicht erkaufen, nicht erarbeiten, nicht selber zusprechen. Aber diese fehlende Rechtfertigung heilt Jesus durch seine Liebe zu uns und sein Opfer am Kreuz. Sie rechtfertigen uns, dich und mich. Diese Annahme, dieses Geschenk heilt unsere Grundscham. Er ist jetzt fröhlich und frei. Ja, ein Abendmahl der Annahme. Wir feiern heute im Abendmahl nicht nur die Erinnerung an Jesu Tod, sondern auch die Annahme durch Jesus. Natürlich erinnern wir uns an das Opfer, das Jesus für uns gebracht hat. Aber wir wollen auch die anderen Seiten dieses Abendmahls, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, mitnehmen. Gemeinschaft und Annahme. Obwohl Jesus, auch seine Jünger aufgefordert hat, sich gegenseitig die Füße zu waschen, hat sich diese Tradition schon in der frühen Gemeinde nicht durchgesetzt, zumindest berichtet die Bibel darüber nichts. Aber die Zusagen der anderen, die wollen wir heute feiern.
Wenn du heute das Abendmahl einnimmst, dann denk an diese drei Zusagen:
- Jesus hat sein Leben dafür gegeben, dass du erlöst bist und er dir ewiges Leben schenkt.
- Jesus nimmt dich so an, wie du bist, er gibt dir deine Ehre als sein Freund, ein Familienmitglied und überwindet die Scham.
- Du gehörst zur königlichen Familie des Messias. Sie ist sein Leib der durch das Brot symbolisiert wird. Henry Nouwen, vielleicht kennt der ein oder andere ihn, nennt die Scham den Ort, an dem wir am verletzlichsten und zugleich am empfänglichsten für die Liebe sind.
Und das wollen wir jetzt tun, seine Liebe empfangen und unsere Scham heilen lassen. Wir werden gleich zusammen das Abendmahl feiern. Und wenn du dieses Abendmahl einnimmst, dann darfst du wissen, dass Jesus dich angenommen hat. Nicht als unwürdiger Mensch, nicht als jemand, der sich schämen muss, nicht als jemand, der gerade so geduldet wird, nicht als jemand, der seine Abgründe verstecken muss, oder als jemand, der am Rand steht, sondern als geliebter Mensch, als Mitglied seiner Familie, mittendrin, ausgestattet mit einer neuen Ehre als Kind Gottes. Deine Scham ist überwunden. Als Heiliger, nicht weil du fehlerfrei bist, sondern weil Jesus dich heiligt.
Das Neue Testament nennt die, die Jesus angenommen haben, Heilige. Wenn du das Abendmahl heute einnimmst, dann sei dir dieser Liebe von Jesus bewusst, jetzt und jeden Tag. Für jeden Tag erkenne dass Jesus dich so ehrt, dass es keinen Grund mehr für Scham gibt. So wie du bist, bist du geheiligt. Lass uns heute diese Liebe im Abendmahl erleben.
Amen