Heil werden – Die Hoffnung aus der Macht der Vergebung
Stephan Krummel
Ev. Gemeinschaft, Frankenberg, 18.01.25

Das Video zum Gottesdienst finden Sie hier

 

Guten Morgen
Wie fühlst Du Dich heute Morgen? Bist Du im Moment zuversichtlich? Oder eher ernüchtert? Oder vielleicht fühlst Du sogar beides gleichzeitig? Je nachdem woran Du gerade denkst? Bist Du eher ausgeglichen oder eher angespannt? Fühlst Du Dich eher HEIL? Oder eher zerrissen..verletztim
Chaos…im Chaos…verloren? Ich weiß, dass das gar nicht so einfach zu beantworten ist.
Das HEIL wird uns in den nächsten Wochen verstärkt beschäftigen. Was bedeutet das eigentlich? Warum ist es für uns wichtig? Welche Rolle spielt es in unserem Leben? (Heil ist mehr als gerettet) Und… welchen Einfluss haben wir auf unser Heil?
Wir haben uns im letzten Jahr eine neue Gemeindevision gegeben.Im Zentrum dieser Vision steht die Hoffnung. Es geht um die Hoffnung für mich, für meine Jüngerschaftsbeziehung zu Gott, für die Gemeinde und für die Welt. Heute wollen wir uns im Wesentlichen mit der ersten Dimension beschäftigen:
der Hoffnung für unser persönliches Leben, für unsere menschliche Existenz. Und da spielt das Heil eine zentrale Rolle.
Jesus stieg wieder ins Boot, fuhr über den See zurück und ging in seine
Stadt. Da brachten einige Männer einen Gelähmten auf einer Tragbahre zu ihm. Als Jesus sah, wie groß ihr Vertrauen war, sagte er zu dem Gelähmten: »Mein Kind, fasse Mut! Deine Schuld ist vergeben.« Da dachten einige Gesetzeslehrer: »Er lästert Gott!« Jesus wusste, was in ihnen vorging, und sagte: »Warum habt ihr so böswillige Gedanken? Was ist leichter – zu sagen: ›Deine Schuld ist dir vergeben‹, oder: ›Steh auf und geh‹? Aber ihr sollt sehen, dass der Menschensohn Vollmacht hat, hier auf der Erde Schuld zu vergeben!« Und er sagte zu dem Gelähmten: »Steh auf, nimm
deine Bahre und geh nach Hause!« Da stand er auf und ging nach Hause. Als die Leute das sahen, erschraken sie, und sie priesen Gott, dass er den
Menschen solche Vollmacht gegeben hat.
In dieser beschriebenen Begegnung tut Jesus an dem Gelähmten zwei Dinge: Er vergibt dem Kranken erst die Schuld und danach heilt er ihn.
 
  1. Vergebung und Heilung – was haben sie miteinander zu tun?
Jesu Heilungen sind im den Evangelien gut beschrieben. Die verschiedenen Facetten umfassen alle möglichen Erkrankungen des Bewegungsapparats,
der Haut, der Sinnesorgane, sowie psychischer Erkrankungen. Es geht um angeborene als auch erworbene Behinderungen. Die Weise, wie Jesus heilt umfasst Berührung, symbolische Handlungen (Speichel) bis zu Fernheilungen wie beim Knecht des römischen Hauptmanns. Diese Unterschiede haben ihre Bedeutung. Sie symbolisieren oder unterstreichen Aussagen, die Jesus macht. Sie erfüllen die Prophezeiungen des Alten Testaments und bestätigen damit seine Identität als Messias und König des neuen Reichs Gottes. Die Einordnung all dieser Heilungen wäre ein Thema für eine gesonderte Predigt. Auf jeden Fall zeigen sie, dass es für Jesus keinerlei Grenzen seiner Möglichkeiten gibt:
  • Es gab keine Krankheit, die er nicht heilen konnte.
  • Es gab keine Distanz und keinen Ort, die ihn vom heilen abhalten konnte.
  • Es spielte keine Rolle, wie lange die Krankheit bestand oder ab sie angeboren war oder nicht.
Diese Heilung fällt durch zwei Dinge auf:
  1. dass Jesus den Gesetzeslehrern seine Autorität beweist Sünden zu vergeben.
In der Frage „Was ist leichter: Schuld vergeben oder einen Kranken heilen?“ zeigt er, dass er neben dem einfachen auch das eigentlich Unmögliche beherrscht und gleichzeitig die Prophezeiungen des Alten Testaments erfüllt.
  1. dass Jesus Heilung hier erstmalig mit Vergebung in einen Zusammenhang bringt
Und das wirft natürlich die Frage auf, welcher Zusammenhang zwischen Vergebung und Heilung besteht?
 
1.1. Welcher Zusammenhang besteht zwischen diesen Beiden?
Suchen wir in der Bibel nach weiteren Hinweisen auf diese Frage, finden wir tatsächlich einige zentrale Aussagen darüber: In der Prophezeiung über den Messias in Jesaja 53 zum Beispiel
In Wahrheit aber hat er die Krankheiten auf sich genommen, die sonst uns getroffen hätten, und die Schmerzen erlitten, die sonst wir ertragen
müssten. Wir meinten, Gott habe ihn gestraft und geschlagen; doch wegen unserer Schuld wurde er gequält und wegen unseres Ungehorsams geschlagen. Die Strafe für unsere Schuld traf ihn und wir sind gerettet. Er wurde verwundet und wir sind heil geworden.
Diese Prophezeiung wird hier durch Jesus zur Hälfte erfüllt: er vergibt die Schuld und heilt die Krankheit. Das „Tragen unserer Schuld“ wird erst am Kreuz stattfinden. Dass das passieren wird, können die Anwesenden zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen. Aber später erkennen es die Jünger und ebenso die Christen in der frühen Gemeinde.
 
1.2. Zweiter Hinweis: Psalm 103
In Psalm 103, 3 – 4 finden wir eine Verheißung von David
der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und
Barmherzigkeit,
Auch diese Psalmverse bringen die Vergebung und die Heilung in einen Zusammenhang.
 
1.3. Dritter Hinweis: Jakobus 5,16
Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist..
 
1.4. Die Bibel versteht Heil ganzheitlich
Gehen wir nochmal zum Text von Jesaja 53, 5. Das dort verwendete Wort für Heil ist rapha´ Es wird im Alten Testament für körperliche Gesundung verwendet. Zum Beispiel bei Hiskia, der todkrank wurde, sich an Gott wandte und geheilt wurde, für die Heilung von Beziehungen in Hosea 14,5 oder für seelische Heilung in Psalm 41,4 Wenn wir also aus Sicht der Bibel heil = rapha´ werden sollen, dann umfasst das alle Aspekte unseres Seins: Körper, Seele, Geist und unsere Beziehungen.
Im neuen Testament steht für Heil oder für heil werden das Wort iaomai“. Es wird überall dort verwendet wo Jesus Menschen geheilt hat. Er benutzt es aber auch für das „geheilt werden“ des Volkes Israel. Das ist das Heil, dass sie erleben, wenn sie doch zu ihm umkehren würden in Matthäus 3,15
Wenn also die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wieder heil werden würde. Schauen wir uns unsere Beziehungen an. Beziehungen kann man in drei betrachten:
  • Die Beziehung zu Gott
  • Die Beziehung zu mir selbst und
  • Die Beziehung zu meinen Mitmenschen.
Betrachten wir doch einmal genauer die Frage von heilen Beziehungen und von der Verletzung von Beziehungen. Das ist eine Frage, die für uns sehr relevant ist. Denn jeder von uns hat ja viele Beziehungen. Die engen Beziehungen in der Familie und im Freundeskreis, die weniger engen am Arbeitsplatz und im Verein. Und dann lose Beziehungen: zu Menschen, die Dienstleistungen erbringen, bei denen wir einkaufen oder auf andere Art in Beziehung stehen. All diese Beziehungen können gestört oder verletzt werden.
 
  1. Wie werden Beziehungen verletzt und wie können sie wieder heil werden?
2.1. Was passiert da eigentlich?
Wir betrachten diese Frage meistens aus der Sicht desjenigen, der die Beziehung verletzt. Heute möchte ich das einmal aus der Perspektive des Betroffenen betrachten. Ich möchte nicht das Wort Opfer verwenden, weil man mit Opfer jemanden identifiziert, der eher handlungsunfähig ist. Das ist aber nicht richtig. Woran kann man denn erkennen, dass eine Beziehung verletzt wurde. Es gibt gravierendes Verhalten, dass objektiv einfach zu erkennen ist: jemand wird beleidigt. Es kann aber auch verdeckt und fast unbemerkt passieren. Dann ist es etwas komplizierter. Es kommt nämlich auf meine Sicht, auf mein persönliches Erleben an. Und das ist sehr subjektiv. Ich mache mal ein Beispiel:
Jemand macht eine abfällige Bemerkung über Deinen Garten. Er sei schlecht gepflegt und geschmacklos. Je nachdem, ob Dir Dein Garten wichtig ist, weil Du viel Zeit und Energie investierst ODER Dich Dein Garten nicht interessiert, ja eigentlich egal ist, wird Dich diese Bemerkung sehr verletzen… oder völlig kalt lassen. Ja vielleicht wirst Du sogar zustimmen. Ihr seht, dass das Empfinden sehr unterschiedlich sein kann. Vergebung wird immer dann relevant, wenn ich eine Kränkung erfahren habe.
2.3. Stich ist nicht gleich Stich.
Wir machen mal einen Ausflug in die Psychotherapie. Ich bin kein Psychotherapeut und beziehe mich an dieser Stelle auf Dr. Martin Grabe, der
über zwei Jahrzehnte Jahre Chefarzt der Psychotherapie und Psychosomatik in der Klinik „Hohe Mark“ war. Außerdem 20 Jahre 1. Vorsitzender der
Akademie für Psychotherapie und Seelsorge. Also ein Experte, der gleichzeitig im christliche Glauben verwurzelt ist. In seinem Buch „Lebenskunst Vergebung – befreiender Umgang mit Verletzungen“ beschreibt er sehr gut, was eine Kränkung ist und warum wir durch eine Kränkung verletzt werden.
Was aber genau ist eine Kränkung?
Martin Grabe erklärt das wie folgt:
Im Laufe unseres Lebens erweitert ein Mensch – jeder Mensch einen ideellen Einflussbereich. Als Säugling ist dieser Bereich ganz klein. Wenn das Kind aufwächst, erweitert es seine Möglichkeiten: es lernt zu Laufen, zu Sprechen, später zu Lesen und Schreiben, zu Schwimmen, Fahrrad zu fahren usw. Es erweitert auch seinen Bewegungsraum. Es erweitert sein Eigentum: das sind erst mal seine Spielsachen, seine Kleidung. Später kommen andere Dinge hinzu: ein Fahrrad, das Trikot vom Lieblingsfussballclubs, das Smartphone. Dann gibt es noch die Beziehungen, auf die ein Mensch wert legt. Wen kenne ich und wer kennt mich?
Das alles nennt man auch den „Psychischen Besitzstand“. Jeder von uns hat einen solchen Besitzstand. Im Allgemeinen geben wir den auch nicht auf.
Dieser Besitzstand kann in 3 Bereiche aufgeteilt werden:
  1. Ehre
  2. Besitz
  3. Liebe
Eine Kränkung passiert nun, wenn mein Besitzstand verletzt wird. Ein ganz einfaches Beispiel: jemand stiehlt mir das Portemonnaie. Im allgemeinen reagieren wir darauf recht emotional, weil es eben nicht nur um den objektiven Verlust geht. Sondern auch unser Ehre verletzt wurde. Wie stark ich mich durch diesen Diebstahl gekränkt fühle, hängt davon ab, wie stark ich mich über diesen Bereich identifiziere. So kann es also sein, dass der eine diesen Diebstahl schon nach 3 Tagen vergessen hat, während ein anderer sich darüber Wochen und Monate aufregt. Starke Kränkungen können existentielle Folgen haben. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahrhundert.
Hat ein Unternehmer mit seiner Firma einen Konkurs erlitten, hat er nicht selten die Konsequenz gezogen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er wollte mit der erlebten Kränkung nicht weiterleben. Er hätte sich eine neue Existenz aufbauen können. Aber die Kränkung war zu stark. Hier ging es um den Besitz UND die EHRE, die verletzt wurden. Wir sehen also, dass Kränkungen in der Lage sind, einen Menschen stark zu belasten.
Aber nicht nur der Gekränkte hat ein Problem. Derjenige, der ihn gekränkt hat, hat sich schuldig gemacht. Auch wenn ihm das nicht bewusst ist: er hat
ungerecht gehandelt. Zum einen gegen seinen Mitmenschen, sondern auch gegen Gott. Dazu aber später mehr. Ich will hier kurz zeigen, welche Kränkung Jesus erlebt hat. Jesus wurde mit der Kreuzigung sein gesamter psychischer Besitzstand genommen:
  • Sein Besitz, der aus seiner Kleidung bestand, wurde ihm genommen. Die Soldaten losten um seinen Mantel, nachdem sie ihn gekreuzigt hatten.
  • Seine Ehre wurde ihm vollständig genommen. Der Tod am Kreuz war die die größte mögliche Demütigung in der damaligen Zeit.
  • Seine Liebesbeziehungen wurden ihm genommen. Als wichtigste die zu seinem Vater. Wir sehen also, dass Jesus nicht nur die Todesstrafe getragen hat, sondern auch die größtmögliche Kränkung.
 
2.3. Fällt Euch beim Wort Kränkung etwas auf?
Das Wort KRANK steckt darin.Und das ist kein Zufall. In unserer Sprache steckt immer auch viel Lebensweisheit. Kränkungen sind Verletzungen unserer Psyche und sie haben Konsequenzen. Kleine Kränkungen alleine haben sicher noch keine wesentlichen Auswirkungen. Wir können sie kompensieren. Anders sieht es aus, wenn es um gravierende Kränkungen geht oder wenn die gleiche Kränkung sich immer und immer wiederholt. Systematisches Kränken bezeichnet man als Mobbing. Und Kränkungen können nicht nur psychische Folgen haben, sondern auch somatische Erkrankungen.
Der Gerichtspsychiater Prof Dr. Haller1 beschreibt folgende Erkrankungen als Folgen von Kränkungen
  • Bluthochdruck
  • Depressionen
  • Hauterkrankungen
  • Rückenschmerzen
  • Schwächung des Immunsystems
Es gibt seit einigen Jahren eine medizinische Disziplin, die den Zusammenhang zwischen der Psyche und Immunsystem erforscht: die Psychoneuroimmunologie. Sie beschäftigt sich damit wie psychische Belastungen – also zum Beispiel Stress, Ängste, Depressionen – auf das Nervensystem – unser Gehirn und unsere Nervenbahnen – und auf unser Immunsystem wirken. Auch das Hormonsystem ist daran beteiligt.
Wichtigste Erkenntnis ist, dass kontinuierlicher Stress das Immunsystem schwächt. Das hat weitere Auswirkungen:
  • Wir werden leichter und öfter krank.
  • Wir können chronische Krankheiten entwickeln.
In vielen Studien konnte inzwischen auch nachgewiesen werden, dass seelischen Verletzungen aus der Kindheit zu chronischen Erkrankungen im
Erwachsenenalter führen können. Nach diesem kleinen Exkurs in die Wissenschaft halten wir einmal fest:
  • Kränkungen wirken nicht nur auf meine Psyche und meine Seele, sondern sich auch auf meinen Körper. Insbesondere wenn sie tiefgehend und wiederholend sind.
  • Aber genauso wichtig: nicht jede Krankheit lässt sich darauf zurückführen. Krankheiten können auch ganz andere Ursachen haben:
  • Virusinfektionen
  • Gene
  • Umwelteinflüsse
  • Als Folge von Verletzungen
2.4. Fehlendes Bewusstsein
Ein Problem dabei ist, dass derjenige, der mich kränkt, möglicherweise gar nicht merkt, dass ich seine Worte als Kränkung empfinde. Manchmal werden Kränkungen unbewusst als „Spass“ ausgesprochen. Demjenigen ist gar nicht bewusst, dass er den anderen kränkt. Und der Gekränkte lässt sich nichts anmerken, weil er keine Schwäche zeigen will. Der eine weiß gar nicht, wie stark er den Anderen in seinen Einflussbereich trifft. Das heißt, was er als „nicht so schlimm“ betrachtet, kann für den Gekränkten durchaus sehr schlimm empfunden werden.
 
  1. Was machen wir nun? Was ist die Lösung?
Von den beiden beteiligten Menschen ist der Gekränkte erst mal derjenige der unmittelbar an der Situation leidet, wenn es um eine schwerwiegende Kränkung geht. Je nachdem wie aufmerksam ich mir gegenüber bin, erkenne ich die Ursache für meinen emotionalen Schmerz. Das ist gar nicht sicher. Ich kann auch darüber hinweg gehen. Wenn die Kränkungen über lange Zeit und nur unterschwellig stattgefunden haben, kann es aber auch sein, dass ich die Schuld eher bei mir selber suche. Aber irgendwann wird der Schmerz vielleicht doch groß. Oder wirkt sich negativ auf mein Leben aus.
Nun kann man ganz verschiedene Wege suchen, den Schmerz loszuwerden. Der beste Weg ist aber, demjenigen, der mich gekränkt hat, zu VERGEBEN.
Und das, was mich verletzt hat, LOSZULASSEN.
Das klingt ja ein ziemlich ungerecht: Ich bin verletzt worden, leide darunter und soll das nun auch noch vergeben. Das kann man so sehen. Aber hier kommt Jesus ins Spiel:
Als erstes vergibt er dem Gelähmten die Schuld. Der Gelähmte scheint selber gar nicht aktiv zu sein. Sondern die Freunde haben ihn zu Jesus gebracht. Jesus bemerkt den Glauben der Freunde. Der Gelähmte bittet Jesus um nichts. Und insbesondere scheint er nicht um Vergebung gebeten zu haben. Und das erste was Jesus tut, ist ihm zu seine Schuld zu vergeben. Das ist die Voraussetzung anderen zu Vergeben! Wie funktioniert Vergebung?
 
3.1. Die beste Möglichkeit – Verständigung
Verständigung heißt, dass zwischen dem Gekränkten und dem, der diese Kränkung verursacht hat, ein klärendes Gespräch stattfindet. Die Initiative kann von jedem der beiden ausgehen, wenn es beiden bewusst ist. Im Allgemeinen wird der Gekränkte den Anstoß geben, weil ja nur er weiß, wie gravierend die Verletzung war. Im besten Fall wird dem anderen klar, was er getan hat, bittet den Gekränkten um Vergebung und die Beziehung ist wiederhergestellt.
 
3.2. Was aber, wenn keine Verständigung möglich ist?
Es gibt aber Fälle, wo diese Verständigung nicht möglich ist. Zum Beispiel, wenn einer von beiden nicht gesprächsbereit ist. Weil zum Beispiel die Verletzung zu groß war, und kein Vertrauensbasis für ein solches Gespräch mehr da ist. Oder weil es gar keine Gesprächsmöglichkeit gibt. Da hat zum Beispiel der amerikanische Präsident alle Somalier als Müll bezeichnet. Was für eine tiefgehende Kränkung für jeden Somalier. Zwischen den Betroffenen und dem Präsidenten wird wohl keine Verständigung stattfinden.
Die zweite Möglichkeit der Vergebung ist die Relativierung. Was heißt das?
Es bedeutet, dass ich wegschaue vom Anderen und auf mich selbst. Und einmal prüfe, ob ich nicht auch schon andere verletzt habe. Nehmen wir mal an, ich bin ein Somalier. Ich könnte mal überlegen, welche negativen Aussagen ich schon über andere gemacht habe? Wenn ich genau darüber nachdenke, kommt da vielleicht auch einiges zusammen. Und ich komme zu dem Schluss: ich bin auch nicht viel besser. Ich bin in der Kategorie Lästern auf jeden Fall nicht unschuldig. Ich kann mich deswegen auch nicht zum Richter erheben. Und deswegen diese Kränkung vergeben.
 
3.3. Was, wenn die Kränkung oder Verletzung zu groß ist für die Relativierung?
Es gibt Verletzungen, die so tief und gravierend sind, dass die beiden ersten Wege nicht möglich sind. Dass können tiefgehende emotionale Verletzungen sein, die einem Kind von den Eltern über lange Zeit zugefügt wurden. Oder ein beträchtlicher Sachschaden, der jemanden zugefügt wurde. Hier kommt der Weg der Delegation und des Ausgleich zur Anwendung.
Das kann zum Beispiel ein Gericht sein, dass über den entstandenen Schaden urteilt und dem Geschädigten einen Ausgleich – also eine Wiedergutmachung
– zuspricht. Für einen körperlichen oder seelischen Schaden wäre das ein Schmerzensgeld. Das ist die weltliche Lösung. Es gibt aber auch eine Alternative, nämlich den Schaden der Gerechtigkeit Gottes anzuvertrauen. Weil ich selber nicht mehr in der Lage bin, mir Gerechtigkeit zu verschaffen. Dazu gibt es von Paulus sogar eine ganz konkrete Aufforderung:
Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst euer Recht, meine Lieben,
sondern überlasst das Gericht Gott. Römer 12,19
Rache ist nämlich die dunkle Alternative zur Vergebung bzw. zum Ausgleich. Unser menschliches Herz ist nämlich sehr schnell beim Gedanken der Vergeltung. Die tut uns aber nicht gut, sondern belastet uns selbst. Obgleich es oft nicht sichtbar oder vielleicht erst in der Zukunft sichtbar wird, darf ich darauf vertrauen, dass Gott uns zu unserem Recht verhilft. Ich kann mir dieses Recht nicht selber verschaffen. Und schon gar nicht besser.
 
  1. Jetzt wird’s praktisch
Vielleicht fragt ihr Euch: warum erzählt uns Stephan das so im Detail? Eigentlich ist das doch klar.
 
4.1. Ich hab dazu ein ganz persönliches Erlebnis
Im Jahr 2021 habe ich Magenbeschwerden im Oberbauch bekommen, die ich bis dahin nicht kannte. Und die auch nach einigen Tage nicht verschwanden.
Erste Diagnose war Magenschleimhautentzündung. Die heilt allerdings im Allgemeinen nach einigen Wochen von alleine aus. Nur bei mir nicht. Es folgte eine Magenspiegelung. Befund: leichte Entzündung am Mageneingang. Therapie: Magensäureblocker. Der Arzt fragte auch nach meiner Lebens- und Arbeitssituation. Die Beschwerden waren zeitgleich mit den angekündigten Entlassungen in meiner Abteilung aufgetreten. Und höchstwahrscheinlich auch dadurch ausgelöst. Das ganz zog sich über 9 Monate bis es ausheilte. Gut, dachte ich, dass ich das hinter mir habe. Nach 5 Monaten ging das Ganze von vorne los. Meine eigene Arbeitsstelle war aber gar nicht mehr gefährdet. Warum also die Beschwerden? Bis zum Anfang des letzten Jahres – also über 4 Jahre – habe ich diese Beschwerden mit Schwankungen und zeitweisen Unterbrechungen gehabt. Die Beeinträchtigung der Lebensqualität ist schon erheblich, weil man permanent aufpassen muss, was man isst und trinkt. Dann habe ich in einem Buch über die geistlichen Ursachen von Krankheiten gelesen. Dort beschrieb der Autor – ein amerikanischer Pastor – dass chronischen Erkrankungen geistliche Ursachen haben können. Z.B. kann das unvergebene Schuld sein.
Ich habe begonnen darüber nachzudenken. Wann hatten meine Beschwerden begonnen? Als die Entlassungen angekündigt wurden. Aber meine Stelle war ja erhalten geblieben. Was war also das Problem? Das Problem zeichnete sich nach weiterem Nachdenken so ab:
Die Kollegen, die entlassen worden waren, gehörten über 10 Jahre zu meiner Abteilung. Ich war über diesen langen Zeitraum Ihr Vorgesetzter gewesen und
fühlte mich für sie verantwortlich. Dass die Unternehmensführung entschieden hatte, sie zu entlassen und durch externe Dienstleister zu ersetzen, hatte ich nicht akzeptiert und auch nicht vergeben. Über diese Kränkung habe ich mich Tag für Tag geärgert. Mir wurde bewusst, dass mich das doch mehr belastete, als ich gedacht hätte. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich dem dafür Verantwortlichen Vergeben sollte. Das habe ich dann auch getan. In einem Gebet. Was passierte dann?
Eine Woche später waren meine Beschwerden schon etwas abgeklungen. Nach einem Monat fast ganz und nach 3 Monaten habe ich die Medikamente
abgesetzt. Diese nicht vergebene Kränkung hatte mich krank gemacht. Und das Vergeben, dass Loslassen dieser Kränkung hatte mich wieder gesund
gemacht.
 
4.2. Was mache ich mit diesem Erlebnis?
Mir sind drei Dinge klar geworden:
4.2.1. Der Zusammenhang zwischen geistlichen Belastungen und körperlichen Auswirkungen ist sehr viel konkreter als ich gedacht hätte.
Dass man durch geistliche und seelische Belastungen krank werden kann war mir durchaus klar. Das man allerdings durch die Behebung die Belastungen auch wieder gesund und heil werden kann, war mir nicht klar.
 
4.2.2. Zweite Erkenntnis: ich halte viel mehr Kränkungen fest, als mir bewusst ist.
Dass ich die erlebte Kränkung immer noch nicht losgelassen hatte, sondern seit Jahren nachtrage, war mir nicht bewusst. Das hat einiges Nachdenken und Zeit gekostet. Bei diesem Nachdenken sind mir noch einige andere Fälle ins Bewußtsein gekommen, die ebenfalls noch bearbeitet werden mussten. Vielleicht ist das ja nur bei mir so, dass ich Kränkungen nicht einfach loslasse, sondern behalte. Wenn es bei Dir nicht so ist, dann freue Dich. Wenn Du aber denkst: Hmm, könnte bei mir auch der Fall sein, dann tue Dir etwas Gutes, denke darüber nach, was Dich gekränkt hat und noch nicht vergeben ist. Und vergib diese Kränkungen. Und wenn Du es nicht aus Liebe zum Nächsten oder aus Liebe zu Gott tun willst, dann mach es aus reinem Egoismus. Denn Du tust Dir etwas Gutes damit. Du lässt eine Last los, die Du sonst weiter mit Dir herumschleppst.
 
4.2.3. Dritte Erkenntnis: mir fällt vergeben schwerer als ich gedacht habe.
Die meisten von uns wissen, dass die Vergebung, die wir durch Jesus Opfer erfahren haben und uns ein neues ewiges Leben schenkt, auch dazu
verpflichtet selber anderen zu vergeben. Wenn es dann allerdings konkret wird, tauchen in unserem Herzen eine ganze Menge Gründe auf, warum ich mir das nochmal gut überlege. Z.B.
  • Scham
Ich möchte nicht zugeben, dass ich gekränkt wurde. So empfindlich möchte ich nicht dastehen. Weder vor dem anderen noch vor mir selbst. Dann kommt der Weg der Verständigung nicht in Frage
  • Selbstgerechtigkeit
Ich möchte besser dastehen als der andere. Dann kommt der Weg der Relativierung nicht in Frage. Denn damit würde ich zugeben, dass ich auch nicht besser bin.
  • Oder Angst
Was ist, wenn derjenige sich durch meine Vergebung ermuntert sieht, so weiter zu machen. Er sagt sich vielleicht: „beim nächsten Mal vergibt er mir ja wieder. Also, warum soll ich mein Verhalten ändern. Ich bin nun mal wie ich bin!“ Wenn ich ihm vergebe ermutige ich ihn ja vielleicht dazu, sich nicht zu
ändern. Und ich werde wieder verletzt. Auch dann kommt Verständigung nicht in Frage. Diese drei Gründe halten mich dann sehr schnell davon ab, Kränkungen zu vergeben. Die Vergebung ist eine besondere Verheißung, ein großes  Geschenk unseres Glaubens. Deswegen hat Jesus davon gesprochen und es vorgelebt. Wir dürfen es als Geschenk empfangen.
 
  1. Zusammenfassung und Appell
  • Das Heil (rapha´) umfasst das seelische, geistliche und körperliche Heil. Diese drei Seiten unseres Seins sind miteinander verbunden und nicht voneinander zu trennen.
  • Kränkungen verletzen uns, auch wenn man das nicht so einfach spürt. Sie können krank machen, insbesondere wenn sie tiefgehend oder lange anhaltend sind.
  • Wir können etwas zu unserem Heil beitragen, indem wir Kränkungen Vergeben. Vergeben macht uns davon frei.
  • Wir sollten uns von Scham, Stolz und Selbstgerechtigkeit nicht abhalten lassen. Wenn wir vergeben, tun wir uns selbst etwas Gutes.
Siehe auch: Wer ist Jesus?
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