Stephan Krummel
Einleitung
„Die Gerechten des Luberon“
In dem Roman „Die Gerechten des Luberon“ gibt Celeste, eine alte Waldenserin, einem jungen Waldenser auf der Flucht eine Zuflucht. Er wohnt bei ihr und hilft ihr im Gegenzug bei den anfallenden Arbeiten. Einige Zeit später findet Celeste am Wegesrand ein bewusstloses Mädchen, das sich offensichtlich an giftigen Beeren vergiftet hat. Sie übernimmt auch die Fürsorge für diese Mädchen. Es stellt sich heraus, dass sie die Tochter eines Barons ist, der die Waldenser mit aller Härte verfolgt. Das bringt sie in eine doppelte Bedrängnis. Jeder der Beherbergten stellt ein hohes Risiko dar, dass sie mit ihrem Leben bezahlen muss, wenn sie gefunden werden. Celeste ist sehr gläubig. Aber sie spricht von Gott immer als dem Unerforschlichen. Sie versteht nicht, warum Gott so oder so handelt. Sie erlebt die Verfolgung, die den Waldensern widerfährt. Die doch nur ihren Glauben gottgefällig leben wollen und gerade deswegen von der katholischen Amtskirche verfolgt und mit Hilfe der herrschenden Fürsten in Gefängnis geworfen oder sogar umgebracht werden. Sie musste erleben, wie sie ihren Ehemann schon recht früh verloren und seit dem überwiegend auf sich selbst gestellt ist. Unter schwierigen Bedingungen bestreitet Sie ihren Lebensunterhalt durch die Bewirtschaftung eines kleinen Hofs.
Vielleicht geht
es Dir auch so: dass Du Gottes Handeln manchmal nicht verstehst. Da gibt es tragische Situationen, die ich nicht verstehen kann:
• schwere Erkrankungen, die gar keinen Sinn machen
• Unfälle, die völlig sinnlos erscheinen
• Rechtschaffene Menschen, die unter schweren Bedingungen und nur mit Not ihr Leben meistern müssen
• Naturkatastrophen mit vielen Opfern
• Andere Lebensführungen, die widersinnig erscheinen
Da steht zum Beispiel ein Mensch vor einer Entscheidung, Gott gehorsam zu sein. Er ringt sich dazu durch und erlebt trotzdem, dass Gottes Segen ausbleibt. Nein, sogar das Gegenteil passiert: es wird noch schwerer und er fragt sich, warum Gott so handelt. Obwohl es ihm ein Leichtes wäre, diesen Glaubensgehorsam zu belohnen.
Darüber wollen wir heute nachdenken. Ich lese den 1. Predigttext: Apostelgeschichte 7, 54-60
Bei diesen Worten gerieten die Mitglieder des jüdischen Rates über Stephanus in solche Wut, dass sie mit den Zähnen knirschten. Stephanus aber blickte zum Himmel empor, vom Heiligen Geist erfüllt; er sah Gott im Glanz seiner Herrlichkeit und Jesus an seiner rechten Seite und rief: »Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn an der rechten Seite Gottes stehen!« Als sie das hörten, schrien sie laut auf und hielten sich die Ohren zu. Alle miteinander stürzten sich auf
Stephanus und schleppten ihn vor die Stadt, um ihn zu steinigen. Die Zeugen legten ihre Oberkleider vor einem jungen Mann namens Saulus ab, damit er sie bewachte. Während sie ihn steinigten, bekannte sich Stephanus zu Jesus, dem Herrn, und rief: »Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!« Dann fiel er auf die Knie und rief laut: »Herr, strafe sie nicht für diese Schuld!« Mit diesen Worten starb er. Bei diesen Worten gerieten die Mitglieder des jüdischen Rates über Stephanus in solche Wut, dass sie mit den Zähnen knirschten.
1.1. Was war zuvor passiert?
Stephanus hatte schon einige Auseinandersetzungen mit führenden Juden. Wie fern ist Gott. Weil er zu viel Einfluss gewann, versuchte man ihn mit falschen Behauptungen anzuklagen. Stephanus führt vor dem Hohen Rat, also der höchsten theologischen Instanz, seine Verteidigungsrede. Er beginnt bei der Heilsgeschichte, die mit Abraham beginnt, mit Isaak und Jakob weitergeht. Er beschreibt wie Josef die Familie in Ägypten vor dem Hungertod rettet, wie in Ägypten aus dem Stamm ein Volk wird und Mose es aus der Hand des Pharao rettet. Er kommt zu David und seinem Sohn Salomo, der den Tempel baut. Bis dahin konnte der Hohe Rat Stephanus noch zustimmen. An der Bedeutung des Tempels gehen allerdings die Meinungen auseinander.
Stephanus zitiert Jesaja 66,1, wo Jesaja sagt:
„Der HERR sagt: »Der Himmel ist mein Thron, die Erde mein Fußschemel. Was für ein Haus wollt ihr da für mich bauen? Wo ist die Wohnung, in der ich Raum finden könnte?“
Das nimmt dem Tempel die Bedeutung Gottes Haus zu sein, über das der Hohe Rat verfügt…. Ein Totalangriff auf die Autorität des Hohen Rates. Stephanus klagt seinerseits den Hohen Rat an, die auf Gottes Reden zu hören und alle Propheten getötet zu haben die Gott gesendet hat um das Volk und seine Führer zu korrigieren. Jetzt platzt den Mitgliedern des Hohen Rates die Hutschnur. Sie machen kurzen Prozess sie brechen den Prozess ab und lynchen Stephanus. Bei Jesus bemühten sie noch Pilatus, um Jesus zum Tode zu verurteilen. Jetzt nehmen sie das Recht selber in die Hand.
2. Welches Bild von Gott haben wir hier? Wie handelt Gott hier? Handelt er überhaupt?
Mein erster Eindruck auf diese Frage war: was Stephanus hier versucht geht ja voll daneben. An der Aufgabe, die jüdischen Führer ihres Irrtums zu überführend und von Jesus zu überzeugen, ist ja schon Jesus gescheitert. Aber hier könnte Gott doch mit einem Wunder eingreifen und Stephanus retten. Ist Gott abwesend? Haben wir einen abwesenden Gott (lateinisch der Deus absconditus) oder einen schweigenden Gott?
2.1 Dieses Gottesbild ist tatsächlich in der Gesellschaft ziemlich verbreitet. Und es versteckt sich hinter der Frage:
Warum lässt Gott das Leid zu? Warum greift er nicht ein?
Dahinter steckt die Vorstellung, dass Gott etwas gegen das Leid in der Welt tun könnte, es aber nicht tut. Oder sogar jegliches Leid verhindern könnte. Natürlich wirft es auch die Frage nach der Verantwortung des Menschen bzw. einzelner Menschen auf, die das Leid verursacht haben und verantworten müssen oder etwas dagegen tun könnten und es auch nicht tun. Manch einer kommt zu dem Schluss, dass man die Ungerechten von der Welt beseitigen müsste, um die Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen, für eine gerechte Welt ohne Leid. Tatsächlich hat das Gott ja schon einmal getan. Er hat Noah und seine Familie vor der Sintflut gerett, weil sie als einzige vor Gott gerecht waren und alle andere der Flut zum Opfer fallen lassen. Wie die Geschichte zeigt, war das keine nachhaltige Lösung, denn nach wenigen Generationen waren die Menschen an der gleichen Stelle angekommen. Und das war für kein Gott keine Überraschung. Nur für uns als Menschen und die Frage nach der Nähe Gottes – ist er fern oder doch nah – bleibt auf einer gesellschaftlichen Ebene unbeantwortet. Sie kann nur persönlich beantwortet werden von Dir und mir.
2.2. Was erfahren wir über Gott in dem Bericht? Wenn wir genau hinschauen handelt Gott hier durchaus.
2.2.1. Gott handelt an den Mitgliedern des jüdischen Rates. Blicken wir kurz zurück auf die Auseinandersetzung des Hohen Rates mit Jesus:
Der Hohe Rat – der Sanhedrin, also die höchste geistliche Instanz der Israeliten – hatte Jesus nicht nur abgelehnt, sondern ihm ja sogar unterstellt, dass er mit dem Satan im Bunde steht. Aufgrund dieser Ablehnung hatte Jesus gesagt, dass diese Generation nicht mehr gerettet werden wird, sondern das Gericht über sie vollstreckt wird. Das Urteil über diese Generation wurde dann 70 n. Chr. Wirklichkeit, als Jerusalem zerstört, die Juden aus Jerusalem vertrieben und in alle Welt
zerstreut wurden. Dieses Urteil bedeutete aber nicht, dass nicht ein einzelner Jude – auch ein einzelnes Mitglied des Hohen Rats Jesus noch annehmen konnte. Denn das Urteil richtete sich nicht gegen einen einzelnen Menschen, sondern gegen diese Generation. Zwei Beispiele dafür waren Nikodemus und Josef von Arimathäa.
Stephanus ruft in einer langen Darstellung der Heilsgeschichte zu Umkehr auf. Er zeigt wie in dieser Heilsgeschichte Propheten abgelehnt und die Heilsangebote Gottes verworfen und die Umkehr verpasst wurde. Ich frage mich auch, warum die Mitglieder des Hohen Rates so extrem emotional reagierten, wenn sie sich doch im Recht wussten. Es hätte für jedes Mitglied des Hohen Rats die Chance gegeben, dass was Stephanus gesagt hatte zu überprüfen, seinen Argumenten nachzugehen und sich zu Jesus zu bekehren. Es gab hier also eine zweite individuelle Chance umzukehren. Das tat aber keiner von Ihnen. Sie beharrten auf ihrem Standpunkt. Und nicht nur das! Sie luden noch mehr Schuld auf sich und steinigten Stephanus ohne eine Gerichtsverhandlung. Jesus wurde aufgrund von falschen Zeugen vor einem heidnischen Gericht zum Tode verurteilt. Diese Mühe machte man sich hier gar nicht mehr, sondern vollzog die Todesstrafe durch Steinigung ohne Gerichtsverhandlung. Sie begingen einen Lynchmord. Das führte zu zwei Ereignissen:
1. Die erste Christenverfolgung begann
2. Die Zerstörung Jerusalems konnte nicht mehr aufgehalten werden
2.2.2. Die Christenverfolgung
Bis zu diesem Zeitpunkt waren die jüdischen Christen – heidnischen Christen gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht – in Kontakt mit dem restlichen jüdischen Volk. Teilweise trafen sie sich im Tempel, sprachen mit ihnen und missionierten unter ihnen. Durch diese Verfolgung vollzog sich eine vollständige Trennung zwischen denen, die an Jesus glaubten und denen, die das nicht taten. Die Trennungen gingen höchstwahrscheinlich sogar durch einzelne Familien. Nach diesem Tag konnte kein an Christus Gläubig Gewordener einem Nichtchristen trauen. Zu tief war dieses Ereignis, dass gerade eine so geistliche Persönlichkeit wie Stephanus gelyncht worden war. In Lukas 12 (51 – 53) sagt Jesus voraus, dass eine Entzweiung kommen wird, die durch Familien gehen wird. Dass sich Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater, Mutter gegen Tochter und Tochter gegen Mutter wenden wird und ich frage mich, ob sich das hier schon erfüllt. Mit dieser Verfolgung fand ein Bruch zwischen den messianischen und den übrigen Juden statt, der bis heute nicht aufgearbeitet geschweige denn aufgelöst ist.
2.2.3. Die Zerstörung Jerusalems
Um 66 n. Chr. findet ein jüdischer Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht statt. Er führt zum ersten jüdischen Krieg, der 70 n. Chr. Mit der Zerstörung Jerusalems nach monatelanger Belagerung endet. Der Tempel wird geplündert, niedergebrannt und geschliffen. Damit wir eine Vorstellung davon bekommen, was die Zerstörung Jerusalems bedeutete:
Nach den Berichten wurden dabei 1,1 Millionen Menschen getötet. Also so viele wie Jerusalem heute Einwohner hat. Weitere 100.000 wurden als Sklaven verkauft oder in Arbeitslager geschickt. Israel verlor jegliche politische und gesellschaftliche Selbstständigkeit. Gott vollzog das Gericht, dass Jesus angekündigt hatte. Die Judenchristen allerdings, die sich zu Jesus bekehrt hatten, erlebten die Zerstörung Jerusalems nicht! Sie waren vorher in die Stadt Pella geflohen, weil sie aufgrund einer Offenbarung von Jesus den richtigen Zeitpunkt und Ort erkannt hatten, um dieser Zerstörung zu entgehen. So berichtet es der Eusebius von Cäsarea in seinen Buch der Kirchengeschichte.
Pella lag im Gebiet der 10 Städte und damit außerhalb des Herrschaftsgebiets der Römer. Alle Christen, die dem Aufruf der Evakuierung gefolgt waren, wurden vor Unheil, Verschleppung und Tod gerettet.
2.2.4. Gott handelt – an Stephanus
Auf den ersten Blick ist Stephanus nur das wehrlose Opfer, dass den verstockten Hohen Rat so sehr verärgert hat, dass er es mit seinem Leben bezahlen muss. Und Gott schaut zu, ohne Stephanus zu schützen? Tatsächlich handelt Gott auch an Stephanus. Und zwar in einer Weise, die in der Bibel kaum einen Vergleich findet. Lesen wir nochmal:
Stephanus aber blickte zum Himmel empor, vom Heiligen Geist erfüllt; er sah Gott im Glanz seiner Herrlichkeit und Jesus an seiner rechten Seite und rief: »Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn an der rechten Seite Gottes stehen!« Apostelgeschichte 7,59
Stephanus sieht Gott in seiner Herrlichkeit. Wenn wir die ganze Bibel durchgehen, dann finden wir vielleicht 10 Personen, die dies erlebt haben im Zeitraum von 1500 Jahren. Gott offenbart sich also in einer Weise, die fast einzigartig ist. Gott lässt Stephanus überhaupt nicht im Stich oder allein, auch wenn Stephanus als Märtyrer dem Weg seines Herrn Jesus folgt. Stephanus findet sogar die Kraft im Angesicht seiner Steinigung seinen Verfolgern zu vergeben, wie das Jesus selber getan hat.
Also: der Eindruck, dass Gott hier nicht eingreift oder nicht handelt, ist nicht richtig. Er handelt. Aber eben nicht so, wie wir es uns wünschen oder für sinnvoll halten. Gott handelt nicht planlos und nicht sinnlos. Gott hat einen Plan. Aber den kennen wir nur in Teilen, in Fragmenten.
Stephanus bleibt in dieser Auseinandersetzung der Gerechte. Die Mitglieder des Hohen Rates verletzten die Gerechtigkeit auf Äußerste. Nach ihrem eigenen Gesetz hätten sie alle selber mit dem Tod bestraft werden müssen. Denn das Gesetz sagt:
„Wenn aber jemand seinen Nächsten aus Hass überfällt und ihn tötet … der Mörder soll sterben.“ (5. Mose 19,11–13)
Der Zusammenhang zwischen Gottes Herrlichkeit, die von Stephanus erkannt wird und dem Gericht, dass Gott vollzieht, hat übrigens ein Vorbild im Alten Testament. Beim Auszug des Volkes aus Ägypten sagt Gott, dass der Pharao seine Herrlichkeit sehen soll. Das endet damit, dass das ägyptische Heer im Roten Meer ertrinkt, weil sich der Pharao nicht Gottes Willen beugt. Gottes Herrlichkeit kann also für den einen Rettung und Heil und für den anderen Gericht bedeuten. Je nachdem, ob er Gott vertraut oder ihn ablehnt.
2.2.5. Gott handelt – an den anderen Christen
Sie erleben das Zeugnis von Stephanus. Sie hören und erleben wie Stephanus Gottes Herrlichkeit sehen darf. Auch wenn die Predigt und das Zeugnis von Stephanus eine erschreckende Wendung nahm, so war doch der Bericht von Stephanus über das Erleben von Gottes Herrlichkeit eine genauso große Ermutigung. Es wird nicht berichtet, dass die Gemeinde aufgehört hat, die Gute Nachricht zu predigen. Im Gegenteil: wenige Verse später – in Kapitel 8, 4 – lesen wir:
Die nun zerstreut worden waren, zogen umher und predigten das Wort.
Das Gegenteil von dem, was der Hohe Rat erreichen wollte, passierte: Die Botschaft von Jesus wurde noch weiter verbreitet als zuvor.
2.3. Gott verstehen ist nicht Gott erklären, „Gott erklären“ zu wollen ist der falsche Ansatz! Gott unterwirft sich nicht unserem Verstand. Ein vom „Mensch erforschter“ Gott wäre ein Gott, den sich der Mensch unterworfen hat. Die Idee „Gott erklären zu können“ ist völlig abwegig. Denn Gott hat den Menschen geschaffen, und nicht umgekehrt.
• Aber Gott erkennen
• Gott reden hören,
• Verstehen, was Gott sagt
Ist nicht nur möglich. Sondern das ist Gottes Wunsch. Und das ist etwas ganz anderes.
• Wer Gott erklären will, stellt sich ÜBER Gott.
• Wer Gott verstehen will, stellt sich UNTER Gott.
In Jesus hat Gott sich uns offenbart, bekannt gemacht und will erkannt und verstanden werden.
2.4. Gott verstehen beginnt mit der Ehrfurcht vor Gott
Das heißt meine Vorstellungen hintenan zu stellen und auf Gottes Gedanken zu hören. Mit der Hilfe des Heiligen Geistes, mit Bibelstudium und auch christliche Literatur ist sehr hilfreich. Zum Beispiel um den jüdischen Hintergrund der biblischen Texte zu verstehen, die uns manchmal unverständlich sind. Das liegt ganz oft daran, dass wir die jüdische Religion und Kultur nicht kennen.
Zurück zu Stephanus:
In Fall von Stephanus wiederholt sich scheinbar der Auftrag, den Jesus begann. Er verkündet, dass Jesus als Sohn Gottes getötet wurde und genau dadurch die Trennung von Gottes überwindet. Das ist für die jüdischen Elite so unerträglich, dass sie auch den nächsten Verkündiger töten. Die Prophezeiung Jesu, dass seine Nachfolger verfolgt und getötet werden, ist eingetreten. Diesmal braucht man dafür nicht einmal eine Gerichtsverhandlung. Aber genauso die Verheißung, dass sie dadurch errettet und belohnt werden. Was Stephanus gesehen hat, war so unglaublich überwältigend, dass ihm seine Situation im Angesicht der Gefahr der Tötung in den Hintergrund trat. Er sah sich schon in der Gegenwart Gottes!
3. Was, wenn Gott (scheinbar) in meinem Leben schweigt?
3.1. Wo im AT oder im NT hat Gott geschwiegen? Aus welchem Grund schweigt Gott? Im Zeitraum, den das Alte Testament überspannt, hat Gott durch einzelne Personen geredet. Manchmal durch Engel, manchmal geht es aus dem Text gar nicht hervor WIE er geredet hat. Aber es waren immer nur einzelne Menschen, die dann beauftragt wurden, zum Volk zu reden oder auch eine Aufgabe zu erfüllen. Gott hat sich entfernt, wenn die Menschen sein Reden nicht hören oder sich
nicht danach richten wollten. Und genauso hat Gott wieder geredet und gehandelt, wenn Menschen oder sogar das ganze Volk umgekehrt ist. Sehr stark vereinfacht kann man sagen: Die Möglichkeit Gott zu hören oder sogar in einen Dialog mit ihm einzutreten, hing von der Bereitschaft ab, sich ihm ernsthaft zuzuwenden. Ein Reden und Handeln Gottes zu erwarten, während man parallel den Götzendienst fremder Völker praktizierte, war ausgeschlossen, wurde von Gott ausgeschlossen.
Insofern könnte man sogar sagen, dass Gottes Schweigen die Botschaft war: Wendet Euch mit ganzen Herzen mir zu, und ich bin dann auch ganz für Euch da! Und wenn Ihr das nicht tut, dann könnt ihr mein Reden nicht hören, meine Herrlichkeit nicht erleben. Wie gesagt: dass bezieht sich auf den Alten Bund und bevor der neue Bund mit Jesus anbricht.
3.2. Wann empfinde ich Gott als einen fernen oder schweigenden Gott?
Lasst uns darüber nachdenken, wie das in unserem Leben ist.
3.2.1. Schweigt Gott, wenn meine Erwartungen nicht erfüllt werden?
Jeder von uns kennt das. Es gibt Gebete, die werden erhört. Manchmal erst nach langer Zeit, manchmal umgehend. Aber manche werden auch noch langer Zeit nicht erhört. Es gibt Berichte von Missionaren, die ihr Leben lang für ein Missionsfeld gebetet haben. Und erst nach ihrem Tod sind Menschen zum Glauben gekommen. Sie haben die Erfüllung ihrer Gebete nicht mehr erlebt. Obwohl Ihr Gebet offensichtlich im Einklang mit dem Reich Gottes steht. Aber die Zeit war noch nicht gekommen. Wenn also meine Bitte nicht erfüllt wird: Heißt das nicht, dass Gott schweigt. Oder ist das Schweigen ein Nein von Gott oder ein „Jetzt noch nicht“? Oder muss ich vielleicht eine andere Frage stellen und eine andere Bitte an Gott herantragen?
Nehmen wir an, ich bitte Gott für eine andere Arbeitsstelle. Ich habe das in meinem Berufsleben einmal erlebt. Über 3 Jahre habe ich auf jede Bewerbung nur Absagen bekommen. Meine Bitte wurde nicht erfüllt. 2 Jahre später schrieb ich nur eine einzige Bewerbung auf eine Stelle, für die
ich meine Aussichten als sehr gering einschätzte – und wurde eingestellt. Die Zeit war noch nicht gekommen für den Stellenwechsel. Wenn Gott meine Gebete nicht erfüllt, kann das bedeuten, dass die Zeit noch nicht gekommen ist.
4. Der sich offenbarende Gott
Daniel hat am letzten Sonntag eine ganze Reihe von Gottesbildern vorgestellt. Mir zeigt das ganz deutlich, dass eine Beschränkung auf ein Bild Gott überhaupt nicht gerecht wird.
Wir müssen weg von dem „EINEN“ Bild bzw. von der „EINEN“ Vorstellung, wie Gott ist. Aber:
4.1. Jesus ist Gott UND Mensch
In Jesus offenbart sich Gott in einer einzigartigen Weise. Wenn wir lesen und beobachten, wie Jesus gehandelt hat, was er gesagt hat, dann erkennen wir ganz viel über Gott. Gott stellt sich uns durch Jesus vor.
4.1.1. Gott handelt nie planlos oder sinnlos?
Er tat das nicht über den Zeitraum des Alten Testaments. Er tat das nicht, als Jesus auf diese Welt kam, um uns zu begegnen und von vornherein zu wissen, dass er am Ende dieser Zeit dem Tod am Kreuz entgegen sieht. Und er tut das auch heute nicht. Gott hat einen Plan für die Welt. Er hat einen Plan für seine Kinder. Und insbesondere hat er einen Plan für Dich! Diesem Gott, der Dich am Kreuz erlöst hat, darfst Du vertrauen.
4.1.2. Gott ist in der Tat unerforschlich, aber deswegen nicht fern.
Er zeigt sich uns in Jesus, wird nahbar und verbindet uns mit ihm durch den Heiligen Geist. Im Epheserbrief finden wir:
Der Heilige Geist ist die Garantie dafür, dass er uns alles geben wird,
was er uns versprochen hat, und dass wir sein Eigentum sind – zum Lob
seiner Herrlichkeit. Epheser 1,14
Der Heilige Geist, der uns als Christen gegeben ist, ist eine erste Gabe, die wir erhalten bevor wir weitere Gaben und irgendwann die Ewigkeit erhalten, eine Anzahlung auf das, was uns zugesagt, ja versprochen ist.
4.2. Wie darf sich mein Bild von Gott ändern?
4.2.1. Es gibt kein Patentrezept Gott zu erleben.
Wenn wir in die Bibel schauen, hat sich Gott oft in sehr unterschiedlichen Weisen gezeigt. Und meistens anders, als die Menschen es erwartet haben. Elia erwartet einen mächtigen, durchschlagenden Gott. Und erfuhr einen sanften und leisen Gott. Josef erfuhr wunderbare Verheißungen in seinen Träumen und in der Realität viele leidvolle und schwere Schicksalsschläge bis sich diese Verheißungen erfüllten. Johannes der Täufer, von dem Jesus sagte „Es läuft kein größerer Mensch auf der Erde“ wird unsicher über die Identität von Jesus, weil er etwas anderes erwartete, als er erlebte. Wir sollten also ganz offen dafür werden, wie sich Gott zeigt und ihn nicht in vorgefertigte Vorstellungen zwängen, um dann enttäuscht festzustellen, dass wir Gott nicht erleben. Gott lässt sich nicht in ein Schema pressen!
4.2.2. Einen Perspektivwechsel vornehmen
Lasst uns fragen: was ist die Reich Gottes Perspektive? Durch die Steinigung des Stephanus wird die christliche Gemeinde von den unbekehrten Juden abgetrennt. Das war notwendig, damit sie sich von der Macht und der Theologie der jüdischen Führung emanzipierte und weiter wachsen konnte. Der offensichtlich herausragende Theologe Stephanus – so beschreibt uns die Apostelgeschichte ihn: „keiner konnte seiner Argumentation widerstehen“ – wird bald durch einen anderen herausragenden Theologen ersetzt, der hier schon erwähnt wird: Paulus, der an der Steinigung indirekt beteiligt ist. Hier noch für keinen erkennbar. Sie begegnen sich sogar. Und doch schon von Gott geplant.
4.3. Mein Gottesbild prägt wie ich mit Gott rede – also mein Gebet
Daniel hat am letzten Sonntag viele Beispiele aufgeführt, wie unser Gottesbild aussehen kann. Das ist zum Beispiel der „beschäftigte Gott“. Der keine Zeit hat für unsere Kleinigkeiten. Die Auswirkung auf meine Beziehung und mein Gebet ist: Mit Kleinigkeiten darf ich Gottes kostbare Zeit nicht verschwenden. Denn der hat ja wichtigeres zu tun. Merkt ihr, wie mein Gottesbild mein Gebet beeinflusst. Das umgekehrte gilt genauso:
4.3.1. Mein Gebet sagt viel über mein Gottesbild
Wenn ich Gott nur bitte – also für alles was ich benötige, wofür ich Hilfe bedarf – dann ist Gott der Versorger. Aber auch nicht mehr. Aber nicht der Erlöser, nicht der Vater, nicht der, der mich korrigieren darf. Sag mir wie Du betest und ich zeige Dir Dein Gottesbild. Beobachte einmal den Inhalt Deines Gebets: zu welchem Gottesbild kommst Du?
Zusammenfassung
• Gott ist unerforschlich, aber nicht fern und nicht abwesend.
• Gott hat sich in Jesus Christus offenbart, stellt sich uns in Jesus vor. Er
möchte, dass wir ihn immer besser kennenlernen.
• Gott handelt manchmal anders, als wir es uns wünschen.
• Der Heilige Geist ist unsere Garantie, dass wir mit Gott in Verbindung
sind.
• Mein Gottesbild prägt mein Gebet.
Amen